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Sonntag, 5. Oktober 2008

Asia-Laden am Stellinger Weg

Stell dir vor, du stehst im Supermarkt mit einem Einkaufswagen, in dem ca. 30 Sachen sind. Ein ganzer Einkauf. Nur leider bis auf die eine Zutat, ohne die du dein Abendessen nicht so hinkriegst, wie du willst. Jetzt hast du drei Möglichkeiten.

Die erste: Du lässt den Wagen stehen und gehst. Das wäre praktisch, aber unhöflich, weil dann ein paar Stunden später die Angestellten Deinen Kram wieder wegräumen müssen. Und mit Pech taut sogar der Fisch so weit auf, dass ihn niemand mehr essen kann – und wenn es ganz blöd läuft, ist das dem Supermarktpersonal egal, sie tun ihn trotzdem zurück in die Truhe, und irgend jemand anderes hängt die halbe Nacht überm Klo. Möglichkeit eins ist also wohl keine gute Lösung.
Möglichkeit zwei: Du räumst selbst alles wieder weg und gehst in den nächsten Laden, in der Hoffnung, dass Du da das alles auch bekommst plus die eine fehlende Zutat. Wenn du es so machst, hast du zwar ein gutes Gewissen, aber wenn du Pech hast, dann gibt es im nächsten Laden auch wieder eine Zutat nicht (natürlich eine andere) und Du bist genau so weit wie vorher. Außerdem ist das die sicherste Methode, die Lust auf dieses Abendessen zu verlieren.
Möglichkeit drei: Du kaufst das, was da ist, und schleppst Dich dann mit zwölf Kilo Einkäufen in den nächsten Laden. Unterwegs reißt Dir eine Tüte, und Du musst auf diese Art zweimal Dein voll beladenes Fahrrad abschließen, wobei es gerne umfällt (und die Tüte reißt).

Dieses Szenario ist im Supermarkt nicht schön. Im Asia-Laden nervt es aber noch viel mehr. Denn während ich im Supermarkt immer noch eine vierte Möglichkeit habe, nämlich mir einfach ein anderes Abendessen auszudenken, wird das im Asia-Laden schwierig. Zwischen diesen ganzen fremdartigen Gläschen und Flaschen kann ich nicht so herumbummeln und mich inspirieren lassen. Ich hab zwar ein Rezept, aber nicht das leiseste Gefühl dafür, wonach die einzelnen Zutaten schmecken und wodurch sie sich ersetzen lassen könnten. Und noch viel weniger kann ich vom Ma-Po Hühnchen auf Seite 102 spontan umschwenken auf die Ente in Pflaumensauce von Seite 75. Dann kommt noch erschwerend hinzu, dass die Leute im Asia-Laden nicht irgendwelche Angestellten sind, sondern die Ladenbesitzer, sie sind fürchterlich freundlich, und ich will sie nicht enttäuschen, indem ich wieder gehe, weil es keine schwarze Bohnensauce gibt. Gleichzeitig will ich aber auch nicht den nächsten Ladenbesitzer vor den Kopf stoßen, weil ich mit acht Tüten zu ihm in den Laden komme (es sind halbdurchsichtige Tüten, und er sieht garantiert, dass sie knallvoll mit Asia-Kram sind) und dann nur die fehlende schwarze Bohnensauce kaufe. Und dann kommt auch noch dazu, dass die Tüten im Asia-Laden noch viel knistriger und dünner sind als im Supermarkt und noch viel leichter reißen, wenn ich in den nächsten Stadtteil muss, um in noch einen anderen Laden zu gehen.

Nach einer vollgeschriebenen DIN A4-Seite ist wohl klar: Ich sollte mir eine Einkaufstasche kaufen. Und ich finde es gut, wenn ein Asialaden so sortiert ist, dass ich nicht noch woanders hin muss. Zum Glück gibt es einen Laden, in dem noch nie etwas gefehlt hat. Das ist ein kleiner Asialaden ohne Namen am Anfang des Stellinger Wegs, kurz hinter dem Blumenladen, aber noch vor dem Fischgeschäft. Ich weiß nicht, wie sie das machen, denn der Laden ist eher kleiner als die anderen Asialäden. Es gibt drei Sorten indisches Fladenbrot, so ziemlich jedes Gewürz auf dem Planeten, alles für japanisches, thailändisches, chinesisches, indisches oder koreanisches Essen, es gibt Pak Choi, Koriander, Thai-Auberginen, vier Sorten frische Chilis und Galgant. Die Chefin spricht abwechselnd englisch und deutsch, man weiß nie, wieso, aber sie ist sehr nett dabei. Und angeblich gibt es hier unter der Woche auch wirklich gutes Essen (ich kann es nicht wissen, ich kann nur Samstags herkommen). Und alles ist so billig, dass ich manchmal fast ein schlechtes Gewissen habe, wenn ich nach Hause fahre mit meinen Einkäufen. Ohne weitere Umwege und Zwischenstationen. Und sie geben einem notfalls auch drei Tüten. Noch nie ist eine davon gerissen.

Mittwoch, 1. Oktober 2008

Vor Petisco, April bis September

Und manchmal auch Oktober, wenn es nicht so ist wie heute.
Was auch schön ist, sogar solches Wetter zum Ertrinken ist schön hier.
Aber dazu auf dem Schulterblatt sitzen und Rippchen abnagen will ich nicht. Und das will ich sonst fast immer!

Ich weiß, das viele Hamburger sagen, das ginge gar nicht. Dann fallen solche Formulierungen wie "sehen und gesehen werden". Wer hier sitzt, der sitzt hier nicht nur einfach so, der demonstriert eine Mischung aus Eitelkeit, Prolligkeit, Ignoranz und purem Spackentum. (Es ist übrigens richtig, richtig billig hier. Dieser Aspekt von "sehen und gesehen werden" kann also nicht gemeint sein. Ich weiß auch nicht. Einer hat damit angefangen, und nun plappern es alle nach.) Das soll zum Teil damit zu tun haben, dass das hier mal weniger ein Vergnügungsviertel als eine Mission war. Und viele von denen, die sich daran noch erinnern, packt eine teils hilflose, teils ziemlich laute Wut darüber, wie man hier einfach so rumsitzen kann mit einer Retro-Sonnenbrille und einen Kaffee trinken. Oder ein portugiesisches Bier. Manche von denen, die das stört, sind vielleicht auch selbst erst vor drei Jahren aus Stuttgart hergezogen. Wer weiß? Es wird jedenfalls ganz schön viel geschwäbelt im Schanzenviertel.

Ich habe keine Retro-Sonnenbrille, sogar überhaupt keine Sonnenbrille, und ich trinke, wenn ich schon mal beim Portugiesen bin, lieber vinho verde als Sagres. Aber davon abgesehen, was es zu bedeuten hat, hier zu sitzen, und abgesehen davon, wie manche das finden, und abgesehen von schlimmer Musik aus Boxen, die freigiebige Musikfreunde unter den Nachbarn uns allen zur Verfügung stellen (wieso tun das immer nur Leute mit blödem Musikgeschmack?), abgesehen vom Rumgestehe und davon, dass man, wenn man Pech hat, hier nach Feierabend plötzlich mitten zwischen denen sitzt, die einen schon tagsüber manchmal nerven, abgesehen von diesem und jenem und noch hundert anderen Sachen geht es mir hier oft so gut, dass ich schon eine fürchterliche Prinzessin auf der Fischkrokette sein müsste, um mich um die ganzen abgesehens zu scheren. Die Rippchen sind genau richtig braun und fettig, und ich würde ja auch mal Hühnchen nehmen, das ist nämlich auch gut, oder Sardinen oder Muscheln, aber das würde ja bedeuten, heute keine Rippchen zu nehmen, und das geht nicht.

Dann ist da noch der Weintrick. Wer hier ein Glas Wein bestellt, bekommt trotzdem eine ganze große mit Wasserperlen betaute Literkaraffe. Wenn er nur ein Glas trinkt, bezahlt er auch nur ein Glas. Aber ich habe noch nie erlebt, dass auf diese Art nicht alle dreimal so viel trinken wie geplant, und das war bisher immer gut so. Er tut auch nicht weh, der vinho verde. Weder Abends noch am nächsten Morgen. Die zweite Karaffe kommt, es wird dunkel, und die Hackisack-Spieler und der dünne hibbelige Junkie und die Mafia-Kombo sind auch schon durch. Wir bleiben sitzen, ist immerhin schon November, und wer weiß, wie lange der Sommer noch dauert?

Mittwoch, 10. September 2008

Die Cozy Bar

Oft denkt man sich als Großstadtmensch mit Beruf, was solls, wenn alles nichts wird, dann springe ich meinem Chef mit dem nackten Arsch ins Gesicht und mache eine Bar auf.

Die Cozy Bar ist ein Beispiel, das einen von diesem Plan abbringen kann. Denn sie ist so eine feine Sache! Und trotzdem ist hier kaum jemals ein Mensch zu sehen. Täglich warte ich drauf, dass sie geschlossen wird.

Das schönste in der Cozy Bar sind die Tapeten. Außerdem ist schön an ihr, dass sie sich tapfer in eine Gegend wagt, die sonst, was das Nachtleben betrifft, ziemlich lau ist. In dieser Gegend kauft man Kontaktlinsenflüssigkeit oder Petersilie, und wenn man davon Durst bekommt, geht man nach Hause oder trinkt einen Milchkaffee irgendwo anders. Aber einer muss schließlich anfangen, auch in dieser Ecke von Eimsbüttel was los zu machen! Ich finde es nobel von der Cozy Bar, hier zu sein und nicht ein paar Straßen weiter, wo sie vermutlich eine Goldgrube wäre. So ist sie ein netter Ort, um sein Jever zu trinken, während man auf seine Verabredung wartet oder auf die Wäsche im Waschsalon um die Ecke.
Manchmal kommen DJs. Ziemlich oft sogar. Die haben Bärte und legen Metal auf oder andere Sachen, die eigentlich nicht zur Einrichtung passen. Darüber wundere ich mich kurz, bis mir einfällt, dass ich ja auch nicht zur Einrichtung passe, also was soll's? Ich glaube angesichts des miesen Umsatzes, mit dem man die DJs, Barmädchen und leckeren Biere wohl kaum bezahlen kann, die Cozy Bar ist irgend jemandes Hobby. Wer auch immer das ist, ich hoffe, er sucht sich demnächst nicht ein neues Hobby wie World of Warcraft oder Nordic Walking.

Montag, 8. September 2008

Meridian Spa, Eppendorf

Es gibt in Hamburg ein Saunagespenst, das ich noch aus der Zeit kenne, in der ich nur im Bäderland in die Sauna ging. Und obwohl das nur einmal im Monat vorkam, traf ich das Gespenst so oft, dass man leider davon ausgehen muss, dass es täglich unterwegs ist. Das Saunagespenst ist ein sehr, sehr alter Mann, so alt, dass man ihn eigentlich respektvoll, höflich und freundlich behandeln müsste. Und genau das nutzt er aus für seinen Spuk. Er sitzt so da in der Sauna, um ihn herum drei ältere dicke Damen und sieben Männer, und dazwischen zwei nette hübsche junge, und eine davon quatscht er früher oder später unweigerlich an. Immer unter einem harmlosen Vorwand wie Uhrzeiten, Aufgüsse... und wenn sie ihm respektvoll, höflich und freundlich antwortet, dann muss sie sich innerhalb von 20 Sekunden etwas sagen oder fragen lassen, was ihr garantiert den Tag vermiest oder wenigstens den Saunabesuch. Die Ärmste wird zur Gefangenen ihrer eigenen Höflichkeit und kann sich nicht wehren. Mir ist das auch schon zwei mal passiert! Wäre er 50 Jahre jünger, könnte man ihm eine kleben und würde sich später an diesen Moment mit großer Genugtuung erinnern. Mit einem 100jährigen geht das nicht. Man ohrfeigt nicht Ernst Jünger. Einmal habe ich erlebt, dass eins der Mädchen sich anders gewehrt hat als mit Rot werden oder weg gehen, und die durfte sich dann Bemerkungen vom restlichen Saunapublikum anhören, als hätte sie ihn gefragt, ob sie „da mal hinfassen“ dürfte statt umgekehrt. Jetzt könnte man denken, herrlich, diese Frische und Frechheit bei einem so alten Menschen, das ist doch schön! Aber ich weiß nicht.

Neulich war der alte Bock im Meridian. Zum ersten Mal. Ich bin zusammengezuckt und dachte, schön, nun hat die Entspannung hier also auch ein Ende, wirst Du Dir wohl einen anderen Laden suchen müssen – da war er auch schon dran an einer jungen Frau, die da ganz unschuldig saß und einfach nur ihre Ruhe haben wollte.

Er: Fräulein, wissen Sie, ob der nächste Aufguss was mit Zitrus ist?
Sie: Ja, was mit Orange glaub ich.
Er: A propos, können Sie sich ein bisschen mehr in meine Richtung drehen, ich kann das schöne Obst ja gar nicht richtig sehen?
Sie: Harrr. Ich hol jetzt den netten Bademeister da draußen, der schmeißt sie hier ruckzuck raus. Oder wir vergessen das alles ganz schnell. Aber GANZ schnell!

Andere Badegäste: (kurzes Schweigen) (kurzes Schweigen) (Moment, in dem es so scheint, als würde jetzt jemand was sagen, aber dann doch nicht) (Dann lieber längeres Schweigen.)

Da saß er dann noch zwei Minuten und schwitzte, ich hoffe, auch vor Scham.

Niemand hat so was gesagt wie „Na na“ oder „Das muss doch nicht sein, junge Frau“.

Seitdem habe ich das Saunagespenst hier nie wieder gesehen.

Dafür liebe ich das Meridian. Das erscheint manchen vielleicht als eine ziemlich niedrige Messlatte für die Liebe zu einem Spa, aber ich hab ganz anderes erlebt! Ich bleibe also dabei, dass ich dafür das Meridian liebe und dafür, dass es immer genug Decken, Liegen, X-Trainer, Plätze im Pilates-Kurs, Spinde, Duschen, Klopapier, Platz, Licht und Luft gibt.

Aber wenn ich trotz meiner großen rundum-Zufriedenheit einen Wunsch äußern könnte – nur einen – dann würde ich mir wünschen, dass weniger Mitglieder auf die Idee kämen, im Sommer nackt und im Schneidersitz eine warme Mahlzeit auf ihrer Liege zu verzehren. Das wär schön. Aber wenn es sein muss – gerne weiter, ich kann auch damit leben, ich wollte ja nur... ach, muss auch nicht jeder Traum in Erfüllung gehen.

Montag, 1. September 2008

Flohmarkt am Lehmweg

Es gibt Flohmärkte, auf denen ist man sich nur am Ärgern. Da steht man an seinem kostbaren Samstag um zehn auf, verkneift sich alles nette Einkaufen und verschiebt Lebensmittel, Body Lotion usw. auf später und damit auf Penny, steigt am Ende sogar noch aufs Fahrrad oder in die Ubahn und fährt zum Flohmarkt. Nur, um da nichts anderes zu finden als Legionen von windigen Gestalten, die ihre 200 alten Autoradios verkaufen, Menschen, die gebrauchte Deoroller loswerden wollen und Profis, die vor jede Beschreibung ihrer Wahre das Wort „original“ hängen. Wie in „Original 90er“ oder „Original versilbert“ oder „Original angekokelt“. (Und das ist nicht gelogen, einmal habe ich gehört, wie ein Händler einer Studentin einen original angekokelten Ikea-Stuhl verkaufen wollte! Und ich schwöre, sie hat drüber nachgedacht!)

Der Lehmweg-Flohmarkt ist besser. Zwar ist die Profi-Dichte hoch (ist das so teuer hier?), aber die Profis sind weder größenwahnsinnig noch zu wild auf die Farbe orange. 60 Euro für einen hübschen geschmiedeten und pastellig lackierten Kronleuchter, drei Euro für gläserne Fliegenpilze, die dieses Jahr an den Baum kommen und bis dahin an den Rosmarin, und 80 Euro für einen hundert Jahre alten Biergartentisch, der nicht nur perfekt zu meinen uralten Biergartenstühlen passt, sondern auch aus dem Rumpelbalkon endlich einen Platz macht, an dem ich gerne bin (und angetrieben von Rosé auf Eis diesen Artikel schreibe). Eine Frau wollte für eine nicht so dolle Opernplatte 26 Euro, aber vielleicht hatte sie eine Wette verloren und konnte nicht anders, wer weiß?
Eigentlich müsste es hier Prellungen geben bei den tollen Sachen, aber die Leute treibt vielleicht auch der Sportsgeist hierher, irgend einen echten Schatz für fünf Euro zu schießen, und das passiert auf Hamburgs Flohmärkten wohl nur noch selten. Aber eine Lampe kostet sogar im Baumarkt Geld. Ich kann nicht verstehen, wieso man um kurz vor vier noch solche Brummer findet und die Leute nicht alles kurz und klein gekauft haben!

Davon abgesehen die einzigen Tiefpunkte:
- das schon aufgetaute grüne Slush am Crepestand
- ein Scottie, der mich von dem Plan abgebracht hat, einen zu besitzen und täglich zwei Stunden lang laut über ihn zu lachen
- dass der Stand mit dem riesigen schweinchenförmigen Schneidebrett vom letzten Mal nicht wieder da war

Und der Lehmweg-Flohmarkt hat noch einen großen Vorteil: der nächste Cheesie ist immer nur zwei Minuten entfernt. Und das am Samstag... mal drüber nachdenken!

Samstag, 30. August 2008

Vienna

Will ich am Freitag lieber um acht, um neun oder um zehn essen? Das weiß ich doch jetzt noch nicht! Und das Vienna vesteht mich. Es verlangt von seinen Gästen nicht, sich Wochen im Voraus zu überlegen, wann sie Lust auf Hirschgulasch und Serviettenknödel haben, und nimmt einfach keine Reservierungen an. Gar keine, von niemandem! Alle müssen warten, bis sie dran sind und bis etwas frei wird. Und das kann dauern, denn die Bedienungen denken nicht im Traum daran, irgend wen zu scheuchen, nur weil hier vorne an der Bar jemand schon kaum noch stehen kann vom vielen Warteprosecco auf leeren Magen. Wer deshalb anfängt zu meckern, ist eben falsch hier. Was viele gute Hamburger Lokale so verdirbt – die blöden Hamburger Gäste – bleibt von ganz alleine weg, denn die Blöden haben keine Lust, für eine Weile nett herumzustehen, sich mit den anderen Wartenden freundlich zu beschnuppern, nebenbei Fußball zu gucken und jemandem weiter hinten sein Bierchen durchzureichen. Die hätten außerdem fieberhaft damit zu tun, aufzupassen, dass niemand vor ihnen einen Tisch bekommt, der nach ihnen gekommen ist. Dabei kriegen die Frauen hinter der Bar das wunderbar alleine hin, ohne dass man sie giftig mustert, und sind so dermaßen gerecht, dass auch die ältesten Freunde – die, die hier jeden mit Handschlag begrüßen – warten müssen. Und warten. Und warten.
Man kann die Zeit natürlich auch darauf verwenden, zu versuchen, sich zwischen den ca. acht Lieblingsessen auf der Karte zu entscheiden. Genau wie in Österreich sind dabei auch gerne mal Gerichte mit Innereien, mit den die vielen schnäkigen Esser heute nicht viel anfangen können. Habe ich die eben für mich, um so schöner. Und schnäkige Freunde müssen trotzdem nicht traurig sein, für die gibt es immer noch genug Essen, das Applaus verdient.

Einmal war ich mit meinen kritischen und sehr hungrigen Eltern da, zu Besuch aus dem Süden, und ausgerechnet an dem Tag mussten wir über eine Dreiviertelstunde warten, weil es eine riesige Geburtstagsgesellschaft gab. Trotzdem war ich nicht eine Sekunde nervös. Denn ich wusste, ich kann mich ganz sicher darauf verlassen, dass alles wunderbar wird. Und genau so war es. Ich will gar nicht über buttriges Dies oder auf den Punkt gedingstes Das schreiben. Alles ist genau so, wie es sein muss. Die Bedienungen wollen nie beweisen, dass sie die besonderste, zackigste und durchgeschulteste Bedienung der Welt sind, sie sind einfach immer da, wenn man sie braucht, und nie, wenn man ohne sie auskommt. Sie vergessen nichts und bedienen die Frau am Nebentisch, die nur Suppe und ein Glas Wein bestellt, genau so wunderbar wie die Obstbrandkenner da drüben. Als wir zwei Stunden später gehen, steht draußen eine niedlich angeschickerte Frau und schnorrt eine Zigarette vom Koch, der auch gerade sein Rauchpäuschen macht. Dazu erzählt sie ihm, dass das hier das beste Lokal in ganz Hamburg ist. Das allerbeste! Das allerallerbeste! Er findet das peinlich, und ich finde, sie hat vielleicht ja Recht.

Dienstag, 26. August 2008

Eimsbütteler Park

Von hinten sehe ich scheinbar aus wie eine Frau, die auf Off-Schulmedizin-Mittel vertraut. Einmal, als ich hier morgens laufen war, kam hinter mir einer angekeucht und rief mir im Überholen zu: „Danke für den Tipp mit dem Eigenurin, hat super geholfen!“ Kaum an mir vorbei, wurde er knallrot, lief aber tapfer noch fünf Runden. Vielleicht dachte er sich, wenn er jetzt nach Hause abbiegt, dann könnte man meinen, Na sooo super kann das mit dem Eigenurin ja nicht gewesen sein, wenn nach dreihundert Metern schon wieder Schluss mit Joggen ist.

Auf einer Küchenparty hat mir mal jemand erzählt, dass dieser Park früher eher übel war. Müll, Unkraut, geklaute Taschen und harte Drogen. Das soll dann den Anwohnern gestunken haben, sie wollten, dass ihr Park wieder schön wird. Das haben sie geschafft. Heute kann man ohne böse Folgen nachts um zwei durch den Park gehen. Bestimmt auch nackend, wenn's drauf ankommt! Alle geben sich Mühe, damit der Park so bleibt, wie er jetzt ist. Ich habe schon Besucher dabei beobachtet, wie sie anderer Leute Grillmüll zusammen sammelten und in Plastiktüten mit nach Hause nahmen. Niemand muss sich auf dem Weg um den kleinen Weiher irgendwelche dummen Sprüche von Dosenbier-Banden anhören. Und wo in diesem Teil Eimsbüttels was mit Drogen geht, weiß ich nicht, aber jedenfalls nicht hier.

Obwohl er jetzt so viel idyllischer ist als früher, ist er doch ganz klar ein umtriebiger Großstadtpark. Auf einer x-beliebigen Runde um den kleinen Ententeich kann man unter anderem sehen: die Jungs von der Lachgesellschaft (stehen im Kreis und rufen „ha-ha-ha-ha-ha-ha-ha“), den Bouleclub (die Hälfte der Mitglieder haben was aus Wolle an), zwei Kinder mit einem ferngesteuerten Boot, acht Kinderwagen, zwei lesende Mädchen (eine was aus der Edition Suhrkamp, eine die Brigitte Young Miss), drei Picknicks, zwei davon mit Einweggrill, eine kleine friedliche Mofagang und viele spazieren gehende Pärchen, die sich, wenn sie schlau sind, vorher in der kleinen Konditorei Kuchen geholt haben. Einmal saß auf dem Rasen eine Familie und hatte ihr Sonntagsessen dabei samt Brathähnchen, Kartoffelbrei und Nachtisch. Auf kleinstem Raum ist hier alles, was sonst auf eine Riesenfläche verstreut stattfindet. Normale Leute aus dem Viertel, nette Freaks, Kleinkinder, Jugendliche, Omis, Hunde, Enten, Wasser, Büsche, Wiesen, Schattenboxer, Bäume und seit etwa zwei Jahren auch ein Café. Es ist wie auf einem Wimmelbild von Ali Mitgutsch.

Seit das kleine vergammelte Klohäuschen an der Gärtnerstraßenseite als adrettes Café wiedergeboren wurde, muss man sich noch nicht mal was zu trinken mitbringen, wenn man zufällig eine Vorliebe dafür hat, abends auf dem kleinen Holzponton zu sitzen, zu lesen und den Enten beim Einschlafen zuzugucken. Früher war ich hier manchmal mit einer halben Flasche Rotwein, einer Decke und einem Buch. Damals musste ich dazu nur schräg über die Straße, und wenn ich beim Ankommen merkte, dass ich aus Versehen die Zeitung von gestern dabei hatte oder dass der Wein hinüber war, dann hat mich meine Dusseligkeit fünf Minuten gekostet. Wenn das Café Glück hat, dann sind die Parkbesucher von heute genau solche Trienchen wie ich damals und verbammeln ständig ihre Getränke. Wenn es Pech hat, dann will hier immer nur der Lachclub aufs Klo. Ich wünsch ihm Glück!

Donnerstag, 21. August 2008

Die Kleine Konditorei, Lutterothstraße

Ich hatte keine Ahnung davon, dass es die kleine Konditorei gibt und was für ein Glück wir alle haben, dass das so ist, bis ich genau in das Haus gezogen bin, in dem die Backstube ist. Mein Vormieter hatte mir noch erzählt, wie schön es wäre, Sonntags früh um sechs nach Hause zu kommen und an die Nebentür im Hausflur zu klopfen, um ein paar frische Brötchen zu bekommen. Ich dachte, naja, Brötchen, nie verkehrt. Da hatte ich noch keine Ahnung, wie gut die Brötchen sind, die man hier bekommt. Und nicht nur die Brötchen: alles ist gut! Wirklich alles! Ich kann gut backen. Wirklich wahr! Mein Kuchen leben selten länger als 24 Stunden, und meistens werde ich nach Rezepten gefragt. Weil ich weiß, wie wenig Arbeit ein wirklich guter Kuchen macht, ärgert es mich immer fürchterlich, in einer Bäckerei schlechten Kuchen zu kaufen. Tatsächlich können fast alle zwar Brot, aber keinen Kuchen. Hier ist das anders: Brot in der kleinen Konditorei ist eine Freude, Kuchen eine Wucht. Vor allem die Blechkuchen, aber das sage ich nur, weil ich kein Tortenfreund bin und die Torten noch nicht versucht habe. Trotzdem würde ich auch für die blind meine Hand ins Feuer legen. Die Baguettes! Meilenweit entfernt von diesen verlängerten Brötchen, die man anderswo bekommt. Die Nussbrioches, für die ein gegen Nüsse allergischer Freund angeblich schon ein paar mal einen Atemstillstand riskiert hat. Die Pralinchen, die meine Oma jedes Jahr zu ihrem Weihnachtsgeschenk dazu bekommt! Vor allem die, die zum Teil aus Honigkuchen bestehen.

Aber die Backwaren sind noch längst nicht alles, wofür man die kleine Konditorei, Entschuldigung, Die Kleine Konditorei loben muss. Die Verkäuferinnen sind freundlich und zackig und siezen ihre Kundschaft. Es gibt außer Brot und Kuchen noch eine völlig vernünftige und unversnobte Auswahl an anderen Dingen, die die Kunden möglicherweise für ihr Sonntagsfrühstück noch brauchen könnten (z.B. Tageszeitungen, Schinken, Käse, Butter, Milch, Cola, Yogurette, Mohrenköpfe, einzeln in Pergamentpapier gewickelte Eier). Inzwischen bilden sich am Wochenende Schlangen vor der Tür, die man sonst nur aus DDR-Dokumentationen kennt, aber das ist nicht schlimm, denn man hat in der Schlange viel zu gucken (Hunde, nette Nachbarn, hat der Typ da seinen Schlafanzug unterm Mantel an? Schon, oder? Sieht jemand, dass ich meinen auch anhabe?), man weiß, dass die Frauen hinterm Tresen auf Zack sind, man kann den schönen Zimtgeruch tief einatmen (so riecht Vorfreude!), und außerdem hat DKK ein Einsehen und stellt für die Warteschlange ein Tischchen mit einer großen Kanne Kaffee auf, an der man sich bedienen kann. Während die einen knapp vor der Tür warten, fast schon dran, kommen die anderen mit ihrer blauen Tüte voll guter Sachen nach draußen, und man schmunzelt sich zufrieden an. „Wir wissen, was gut ist!“

Irgendwann hatte sich das mit der Zwischentür im Hausflur leider erledigt: Die Kleine Konditorei hat umgebaut, und die Tür wurde dicht gemacht. Die Umbauten dauerten ca. vier Monate, und leider bin ich anfangs auch im vierten Stock aus dem Bett gefallen, weil die Bauarbeiter natürlich morgens um sieben mit den allerlautesten Arbeiten anfingen. War dann das ganze Haus wach, wurde es schlagartig ruhig. Das hat mir gestunken, ich habe eine Email geschrieben und eine sehr nette Antwort bekommen. Von da an war es nie wieder so früh so laut. Und zwei Wochen später hat der nette Bäcker sich noch mal erkundigt, wie es denn mit der Nachtruhe so wäre. In einer Welt, in der viele Leute sich moralisch überlegen fühlen, nur weil sie früher aufstehen, ist so etwas selten und wunderbar. Wie alles an dieser besten Bäckerei der Stadt.