Ich hatte keine Ahnung davon, dass es die kleine Konditorei gibt und was für ein Glück wir alle haben, dass das so ist, bis ich genau in das Haus gezogen bin, in dem die Backstube ist. Mein Vormieter hatte mir noch erzählt, wie schön es wäre, Sonntags früh um sechs nach Hause zu kommen und an die Nebentür im Hausflur zu klopfen, um ein paar frische Brötchen zu bekommen. Ich dachte, naja, Brötchen, nie verkehrt. Da hatte ich noch keine Ahnung, wie gut die Brötchen sind, die man hier bekommt. Und nicht nur die Brötchen: alles ist gut! Wirklich alles! Ich kann gut backen. Wirklich wahr! Mein Kuchen leben selten länger als 24 Stunden, und meistens werde ich nach Rezepten gefragt. Weil ich weiß, wie wenig Arbeit ein wirklich guter Kuchen macht, ärgert es mich immer fürchterlich, in einer Bäckerei schlechten Kuchen zu kaufen. Tatsächlich können fast alle zwar Brot, aber keinen Kuchen. Hier ist das anders: Brot in der kleinen Konditorei ist eine Freude, Kuchen eine Wucht. Vor allem die Blechkuchen, aber das sage ich nur, weil ich kein Tortenfreund bin und die Torten noch nicht versucht habe. Trotzdem würde ich auch für die blind meine Hand ins Feuer legen. Die Baguettes! Meilenweit entfernt von diesen verlängerten Brötchen, die man anderswo bekommt. Die Nussbrioches, für die ein gegen Nüsse allergischer Freund angeblich schon ein paar mal einen Atemstillstand riskiert hat. Die Pralinchen, die meine Oma jedes Jahr zu ihrem Weihnachtsgeschenk dazu bekommt! Vor allem die, die zum Teil aus Honigkuchen bestehen.
Aber die Backwaren sind noch längst nicht alles, wofür man die kleine Konditorei, Entschuldigung, Die Kleine Konditorei loben muss. Die Verkäuferinnen sind freundlich und zackig und siezen ihre Kundschaft. Es gibt außer Brot und Kuchen noch eine völlig vernünftige und unversnobte Auswahl an anderen Dingen, die die Kunden möglicherweise für ihr Sonntagsfrühstück noch brauchen könnten (z.B. Tageszeitungen, Schinken, Käse, Butter, Milch, Cola, Yogurette, Mohrenköpfe, einzeln in Pergamentpapier gewickelte Eier). Inzwischen bilden sich am Wochenende Schlangen vor der Tür, die man sonst nur aus DDR-Dokumentationen kennt, aber das ist nicht schlimm, denn man hat in der Schlange viel zu gucken (Hunde, nette Nachbarn, hat der Typ da seinen Schlafanzug unterm Mantel an? Schon, oder? Sieht jemand, dass ich meinen auch anhabe?), man weiß, dass die Frauen hinterm Tresen auf Zack sind, man kann den schönen Zimtgeruch tief einatmen (so riecht Vorfreude!), und außerdem hat DKK ein Einsehen und stellt für die Warteschlange ein Tischchen mit einer großen Kanne Kaffee auf, an der man sich bedienen kann. Während die einen knapp vor der Tür warten, fast schon dran, kommen die anderen mit ihrer blauen Tüte voll guter Sachen nach draußen, und man schmunzelt sich zufrieden an. „Wir wissen, was gut ist!“
Irgendwann hatte sich das mit der Zwischentür im Hausflur leider erledigt: Die Kleine Konditorei hat umgebaut, und die Tür wurde dicht gemacht. Die Umbauten dauerten ca. vier Monate, und leider bin ich anfangs auch im vierten Stock aus dem Bett gefallen, weil die Bauarbeiter natürlich morgens um sieben mit den allerlautesten Arbeiten anfingen. War dann das ganze Haus wach, wurde es schlagartig ruhig. Das hat mir gestunken, ich habe eine Email geschrieben und eine sehr nette Antwort bekommen. Von da an war es nie wieder so früh so laut. Und zwei Wochen später hat der nette Bäcker sich noch mal erkundigt, wie es denn mit der Nachtruhe so wäre. In einer Welt, in der viele Leute sich moralisch überlegen fühlen, nur weil sie früher aufstehen, ist so etwas selten und wunderbar. Wie alles an dieser besten Bäckerei der Stadt.
Abonnieren
Kommentare zum Post (Atom)
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen