Montag, 25. August 2008

Goldbekmarkt

In Winterhude wohnen viele Menschen, denen egal ist, dass man am anderen Ende der Stadt bis elf Uhr früh tanzen und trinken kann und dass dieser Teil des Samstags dort noch zum Freitag gehört. Während anderswo Leute gerade ihren letzten Rest Würde verlieren, indem sie den Taxifahrer um eine Zigarette anschnorren, lassen andere sich auf dem Goldbekmarkt die Käsesorten erklären. Niemand soll mich falsch verstanden: Auf dem Goldbekmarkt ist es schön! Es gibt gute Blumen, guten Käse, gutes Fleisch, guten Fisch und gutes Brot dort. Die Leute, die hier langschlendern, sind bestimmt gute Nachbarn, haben ihre Finanzen im Griff, kaufen im Zweifel lieber Bio und fahren in den Ferien nicht zum Bumsen nach Thailand. Mancher würde gerne hier etwas über Wachstuchjacken oder Prada-Gummistiefel lesen! Aber man soll ja nicht lügen, und genau das täte ich, wenn ich jetzt schreiben würde, dass auf dem Goldbekmarkt nur Bunte-Leser sind.

Aber wenn ich jetzt so richtig verkatert wäre – ich sage nur, wenn – also gerade erst wieder am Ausnüchtern, aber schon mit der Ahnung im Kopf, dass das kein guter Tag wird. Nur mal angenommen! Und dann würde mich ein entnervter Taxifahrer hier rausschmeißen, weil ich nicht imstande wäre, meine Adresse so zu sagen, dass er mich verstehen würde. Und ich würde das alles sehen. Durch mein blaues Auge. Dann wäre dieser Markt genau das, was mir gerade noch gefehlt hätte.

Diesen Samstag bin ich ausgeschlafen, frisch geduscht, nicht die Spur von verkatert und zum ersten Mal seit langer Zeit mal wieder hier. Und gleich am Eingang zum Markt nehme ich mir vor, bis zum nächsten Mal nicht wieder so lange zu warten: ach ja, da war ja der Bratwurststand! Richtig gute Würstchen werden hier gebraten, und dass man jeden Samstag rituell eins zu essen hat, nimmt einem die Entscheidung, ob man sie sich verkneift oder nicht. Sie gehören dazu! Und mehr ist nicht zu sagen. Gegenüber ein Blumenstand, an dem ich schon zwanzig mal fast Blumen gekauft habe, aber eben nur fast, deshalb kann ich nichts darüber schreiben, ob sie lange halten (oder was man sonst noch so über Blumen schreibt). Aber sie sehen hübsch aus, und davor stehenzubleiben und sich erst nicht entscheiden zu können und dann zu beschließen, dass man auf dem Rückweg bestimmt diesmal wirklich ganz echt welche mitnimmt, gehört auch zu meinen Marktritualen. Dann weiter: Käse fast, aber Gemüse immer. Beim Käse war ich schon oft wirklich entschlossen, aber hatte immer das Pech, einen echten Kenner vor mir in der Schlange stehen zu haben, der 10 Minuten für seinen Kennerkäsekauf braucht.
Immer kaufe ich so viel Gemüse, dass ich mich damit auf sechs Tage im Vorraus festlege, was ich esse. Was immer schief geht, denn spätestens, wenn ich zum zehnten Mal den Kühlschrank aufgemacht habe und die Rübchen oder der Kürbis haben mich angestarrt, dann fühle ich mich, als hätte ich zehn Mal Rübchen und Kürbis gegessen und müsste es jetzt deshalb nicht zum elften Mal tun. Aber ich kann nicht anders. Wenn ich fünf Meter schönstes Gemüse und Obst vor mir liegen habe, dann kann ich nicht mit einem Pfund Bohnen und ein bisschen Thymian nach Hause gehen. Also kaufe ich auch noch Estragon und Borretsch (nur, weil sie da sind), und dann brauche ich ein Gemüse, zu dem sie passen, das ist dann der blöde Kürbis und dann noch etwas und noch etwas, und als ich wieder klar sehe, ist meine Tasche so schwer, dass ich Schlagseite habe. Das Gute daran ist aber: vom Gemüse aussuchen habe ich kohlschwarze Finger, und mit dem halben Alten Land unter den Nägeln besteht wenigstens keine Gefahr, dass ich meinen Kaufrausch weiter trage in die Läden am Poelchaukamp. Was also jetzt? Doch noch Kiez?

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