Samstag, 30. August 2008

Vienna

Will ich am Freitag lieber um acht, um neun oder um zehn essen? Das weiß ich doch jetzt noch nicht! Und das Vienna vesteht mich. Es verlangt von seinen Gästen nicht, sich Wochen im Voraus zu überlegen, wann sie Lust auf Hirschgulasch und Serviettenknödel haben, und nimmt einfach keine Reservierungen an. Gar keine, von niemandem! Alle müssen warten, bis sie dran sind und bis etwas frei wird. Und das kann dauern, denn die Bedienungen denken nicht im Traum daran, irgend wen zu scheuchen, nur weil hier vorne an der Bar jemand schon kaum noch stehen kann vom vielen Warteprosecco auf leeren Magen. Wer deshalb anfängt zu meckern, ist eben falsch hier. Was viele gute Hamburger Lokale so verdirbt – die blöden Hamburger Gäste – bleibt von ganz alleine weg, denn die Blöden haben keine Lust, für eine Weile nett herumzustehen, sich mit den anderen Wartenden freundlich zu beschnuppern, nebenbei Fußball zu gucken und jemandem weiter hinten sein Bierchen durchzureichen. Die hätten außerdem fieberhaft damit zu tun, aufzupassen, dass niemand vor ihnen einen Tisch bekommt, der nach ihnen gekommen ist. Dabei kriegen die Frauen hinter der Bar das wunderbar alleine hin, ohne dass man sie giftig mustert, und sind so dermaßen gerecht, dass auch die ältesten Freunde – die, die hier jeden mit Handschlag begrüßen – warten müssen. Und warten. Und warten.
Man kann die Zeit natürlich auch darauf verwenden, zu versuchen, sich zwischen den ca. acht Lieblingsessen auf der Karte zu entscheiden. Genau wie in Österreich sind dabei auch gerne mal Gerichte mit Innereien, mit den die vielen schnäkigen Esser heute nicht viel anfangen können. Habe ich die eben für mich, um so schöner. Und schnäkige Freunde müssen trotzdem nicht traurig sein, für die gibt es immer noch genug Essen, das Applaus verdient.

Einmal war ich mit meinen kritischen und sehr hungrigen Eltern da, zu Besuch aus dem Süden, und ausgerechnet an dem Tag mussten wir über eine Dreiviertelstunde warten, weil es eine riesige Geburtstagsgesellschaft gab. Trotzdem war ich nicht eine Sekunde nervös. Denn ich wusste, ich kann mich ganz sicher darauf verlassen, dass alles wunderbar wird. Und genau so war es. Ich will gar nicht über buttriges Dies oder auf den Punkt gedingstes Das schreiben. Alles ist genau so, wie es sein muss. Die Bedienungen wollen nie beweisen, dass sie die besonderste, zackigste und durchgeschulteste Bedienung der Welt sind, sie sind einfach immer da, wenn man sie braucht, und nie, wenn man ohne sie auskommt. Sie vergessen nichts und bedienen die Frau am Nebentisch, die nur Suppe und ein Glas Wein bestellt, genau so wunderbar wie die Obstbrandkenner da drüben. Als wir zwei Stunden später gehen, steht draußen eine niedlich angeschickerte Frau und schnorrt eine Zigarette vom Koch, der auch gerade sein Rauchpäuschen macht. Dazu erzählt sie ihm, dass das hier das beste Lokal in ganz Hamburg ist. Das allerbeste! Das allerallerbeste! Er findet das peinlich, und ich finde, sie hat vielleicht ja Recht.

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