Mittwoch, 1. Oktober 2008

Vor Petisco, April bis September

Und manchmal auch Oktober, wenn es nicht so ist wie heute.
Was auch schön ist, sogar solches Wetter zum Ertrinken ist schön hier.
Aber dazu auf dem Schulterblatt sitzen und Rippchen abnagen will ich nicht. Und das will ich sonst fast immer!

Ich weiß, das viele Hamburger sagen, das ginge gar nicht. Dann fallen solche Formulierungen wie "sehen und gesehen werden". Wer hier sitzt, der sitzt hier nicht nur einfach so, der demonstriert eine Mischung aus Eitelkeit, Prolligkeit, Ignoranz und purem Spackentum. (Es ist übrigens richtig, richtig billig hier. Dieser Aspekt von "sehen und gesehen werden" kann also nicht gemeint sein. Ich weiß auch nicht. Einer hat damit angefangen, und nun plappern es alle nach.) Das soll zum Teil damit zu tun haben, dass das hier mal weniger ein Vergnügungsviertel als eine Mission war. Und viele von denen, die sich daran noch erinnern, packt eine teils hilflose, teils ziemlich laute Wut darüber, wie man hier einfach so rumsitzen kann mit einer Retro-Sonnenbrille und einen Kaffee trinken. Oder ein portugiesisches Bier. Manche von denen, die das stört, sind vielleicht auch selbst erst vor drei Jahren aus Stuttgart hergezogen. Wer weiß? Es wird jedenfalls ganz schön viel geschwäbelt im Schanzenviertel.

Ich habe keine Retro-Sonnenbrille, sogar überhaupt keine Sonnenbrille, und ich trinke, wenn ich schon mal beim Portugiesen bin, lieber vinho verde als Sagres. Aber davon abgesehen, was es zu bedeuten hat, hier zu sitzen, und abgesehen davon, wie manche das finden, und abgesehen von schlimmer Musik aus Boxen, die freigiebige Musikfreunde unter den Nachbarn uns allen zur Verfügung stellen (wieso tun das immer nur Leute mit blödem Musikgeschmack?), abgesehen vom Rumgestehe und davon, dass man, wenn man Pech hat, hier nach Feierabend plötzlich mitten zwischen denen sitzt, die einen schon tagsüber manchmal nerven, abgesehen von diesem und jenem und noch hundert anderen Sachen geht es mir hier oft so gut, dass ich schon eine fürchterliche Prinzessin auf der Fischkrokette sein müsste, um mich um die ganzen abgesehens zu scheren. Die Rippchen sind genau richtig braun und fettig, und ich würde ja auch mal Hühnchen nehmen, das ist nämlich auch gut, oder Sardinen oder Muscheln, aber das würde ja bedeuten, heute keine Rippchen zu nehmen, und das geht nicht.

Dann ist da noch der Weintrick. Wer hier ein Glas Wein bestellt, bekommt trotzdem eine ganze große mit Wasserperlen betaute Literkaraffe. Wenn er nur ein Glas trinkt, bezahlt er auch nur ein Glas. Aber ich habe noch nie erlebt, dass auf diese Art nicht alle dreimal so viel trinken wie geplant, und das war bisher immer gut so. Er tut auch nicht weh, der vinho verde. Weder Abends noch am nächsten Morgen. Die zweite Karaffe kommt, es wird dunkel, und die Hackisack-Spieler und der dünne hibbelige Junkie und die Mafia-Kombo sind auch schon durch. Wir bleiben sitzen, ist immerhin schon November, und wer weiß, wie lange der Sommer noch dauert?

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