Den Kurs hatten wir zum Abschied geschenkt bekommen, und wir haben fast drei Jahre gebraucht, um ihn einzulösen. An einem Sonntag im Mai morgens um halb elf ging es los. Im hintersten Bahrenfeld. Nach einer Nacht, in der ich erst gegen fünf sternhagelvoll nach Hause gekommen war. Nicht geplant! Eigentlich wollte ich noch zwei nette Getränke nehmen, mich ein bisschen über die Bildungskrise, Almodovar oder sonst ein manierliches Thema unterhalten und dann nach Hause. Frisch gewaschener Pyjama, Zahnbürste, Blumen auf dem Nachttisch, morgens noch eine Runde joggen. Dieses Szenario schwebte mir ganz klar vor, warum ich dann doch davon abgewichen bin, weiß der Himmel. Jedenfalls klingelte um neun der Wecker, und ich konnte kaum glauben, dass ich wirklich stehe/dusche/mich anziehe/ mir die Wimpern tusche, da radelten wir auch schon über die Holstenkamp-Brücke. Meine Freundin guckte zwar nicht ganz so glasig wie ich mich fühlte, aber es ging in die gleiche Richtung. Vor dem Atlas angekommen, warteten da zwischen brunchenden Bahrenfeldern noch vier andere Menschen: ein Pärchen, das aussah, als hätten sie sich in der Mensa der Biologischen Fakultät kennengelernt, und zwei Männer Mitte 40, die den Kurs von ihren Frauen bekommen hatten, was wohl als Witz gemeint war und auch so behandelt wurde. Glück gehabt: ich hatte wirklich Angst gehabt, zwischen Messerexperten zu landen.
Diesen Kurs gibt es jedes Wochenende, immer abwechselnd wird mit Fisch und mit Fleisch gekocht. In der Zeit, in der wir nach einem Termin gesucht haben, stand für den Fleischkurs das Menü immer vorher schon fest, für den Fischkurs aber nie. Und weil ich mich vor Tintenfischen grusele, war klar, dass wir im Fleischkurs landen. Zum Glück bin ich nur vor Tintenfisch fies und vor sonst nicht viel, denn es ging sofort in die Vollen: Nachdem ich kaum vorsichtig am Begrüßungs-Macchiato genippt hatte, saßen wir zwei vor einer riesigen Schale mit Entenlebern, die zu häuten und von Adern und anderem Glibber zu befreien waren. In eine Wolke aus durchdringendem Blutgeruch gehüllt, taten wir mit zusammengebissenen Zähnen unsere gottverdammte Pflicht, während die anderen Kursteilnehmer das aus sicherem Abstand mit unverhohlenem Abscheu beobachteten. Gut, wer einen Kater besiegen will, darf nicht zimperlich sein, sondern sollte das schnell und hart tun – danach ging es besser. Die Entenlebern fühlten sich übrigens ganz hübsch an, kühl und glatt und merkwürdig leicht. Es blieb dabei, dass wir die an den Schneidebrettern und Gasflammen waren und die Jungs lieber gemäßigte Vatertagsstimmung verbreiteten, und genau so fühlten wir uns alle sechs am wohlsten. Der Koch war gemütlich und fröhlich bei der Sache, passte auf, dass niemand sich oder den Zutaten zu großen Schaden zufügte und war völlig immun gegen kennerhaftes Küchen-Geschwafel.
Gegen elf fingen die Herren zu unserer aller großen Dankbarkeit an, möglichst beiläufig zu fragen, wann es denn nun etwas zu trinken gäbe, und unser Koch ließ sich nicht lange bitten und schaffte es, neben der Aufsicht über unsere Schnibbelei und verschiedene brutzelnde Pfannen immer noch die Gläser nachzufüllen. Der Rest des Menüs ging uns dann auch leichter von der Hand. Am Ende hatten wir wahr und wahrhaftig aus eigener Kraft Burger aus selbstgemachten Windbeuteln und Entenlebermousse, Lamm unter der Kräuterkruste mit Tomatenchips und dann noch irgendwas Leckeres fabriziert, an das ich mich aber nicht mehr erinnern kann. Denn wieder mal war ich die große Gewinnerin der Pingeligkeit anderer. Dunkelrosa Lamm und Entenleber mag nicht jeder, und als ich wirklich nicht mehr konnte, saß ich vor einem Berg aus abgenagten Lammknochen, der höher war als ich. Glücklich, gründlich ausgenüchtert und bestimmt nicht mehr imstande, noch irgend eine Art von Nachtisch zu essen. Schnaps? Och joooaaah, wieso nicht.
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Dienstag, 18. November 2008
Schauspielhaus
Ich habe Freunde, von deren Verstand und Geschmack ich die höchste Meinung habe, und die niemals ins Theater gehen würden. Ich kann ihnen erzählen, was ich will, und selbst wenn ich das dufte Publikum, die plüschige Kulisse und die Premierenfeiern anführe, auf denen es ungefähr dreimal so lustig ist wie auf der öden Beletage oder Comitè-Party, nützt das gar nichts. Sie werden einfach nie mitkommen und von Weitem immer finden, ein Besuch im Theater wäre attitüdenhaft, langweilig und so ziemlich das Letzte, worauf sie an einem Freitag Abend Lust haben.
Manchmal sitze ich im Schauspielhaus und kann sie verstehen. Manchmal sitze ich auch da und denke, wenn ihr das hier sehen würdet, nur fünf Minuten lang, dann wüsstet ihr, wovon ich spreche. Und dann gibt es wieder Abende, da weiß ich auch nach zwei Monaten noch nicht, wie ich das jetzt eigentlich genau fand. Der Marat-Abend neulich war so einer. Mein Freund ist nach zehn Minuten in den Keller verschwunden, um ein Bier zu trinken, und ich konnte ihn verstehen. Andere haben minutenlang applaudiert, und die konnte ich auch verstehen. Vielleicht haben sie ja auch nur deshalb so wild applaudiert, weil sie das Gefühl hatten, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Ich weiß das, wie gesagt, immer noch nicht so genau, aber war auf jeden Fall gut unterhalten. Viele Momente waren auf die gleiche Art lustig und charmant, die ich an guter Aktionskunst mag. Ideen, die einem beim Busfahren durch den Kopf schießen, und man ist sofort gut drauf beim Gedanken daran, wie viel Spaß es machen würde, das tatsächlich zu machen und nicht nur zu denken und wem man davon erzählen will, wer das am Ende sehen und beklatschen soll – wie wäre es mit dem ganzen Schauspielhaus? Der Moment, in dem Marat als Lenin-Statue über der Menge schwebte und von einer großen Pose in die nächste klappte. Das war lustig, muss es wohl gewesen sein, ich musste nämlich laut lachen. Oder die ersten paar Minuten mit dem Aldi-Lidl-Bühnenbild, in dem die entwürdigten Armen tumb gegen die Gummiwände kippten und flappten wie Fische auf dem Trockenen. Das war zwar nicht lustig, aber sehr gut. Oder der Tanz von Charlotte Corday. Oder die Meditation. Wenn ich das alles aber zusammenzustecken versuche zu einem einzigen Abend, dann weiß ich nicht so richtig, was das war. Ich glaube aber, ich weiß, was das nicht war: ein Skandal. Oder eine Revolution. Vielleicht war es eine Sammlung von schönen Einfällen, die sich am Ende sehr laut verabschiedet, damit man nicht so viel nachdenkt, ob das auch alles so passt und stimmt. Vielleicht war das auch ein Stück, das gleichzeitig Angst davor hat, für spießig gehalten zu werden, und Angst vor zu viel blöder Revolutionsnaivität. Ich habe nicht fünf Minuten geklatscht, aber ich bin auch nicht rausgegangen. Ich habe mich nicht über die Verlesung der Superreichen aufgeregt, aber der Einfall war für mich rangeschmissen und ein bisschen peinlich auf eine Art, auf die mir sonst eher Kabarett peinlich ist.
Hinterher hatte mein Freund zum Glück ganze 90 Minuten im Schauspielhauskeller auf mich gewartet, es gab auch noch Bier für mich, und ruckzuck war es krachend voll. An den Nachbartischen wurde ein bisschen über das Stück gesprochen, aber dann über Jeans, Mentholzigaretten und die Neue von Oasis. Es wurde lustig, und dann sind wir nach Hause gegangen. Ich hatte einen prima Abend. Und ob das aus spießigen oder naiven Gründen so war, ist mir egal. Ach Freunde, wann hab ich euch endlich so weit?
Manchmal sitze ich im Schauspielhaus und kann sie verstehen. Manchmal sitze ich auch da und denke, wenn ihr das hier sehen würdet, nur fünf Minuten lang, dann wüsstet ihr, wovon ich spreche. Und dann gibt es wieder Abende, da weiß ich auch nach zwei Monaten noch nicht, wie ich das jetzt eigentlich genau fand. Der Marat-Abend neulich war so einer. Mein Freund ist nach zehn Minuten in den Keller verschwunden, um ein Bier zu trinken, und ich konnte ihn verstehen. Andere haben minutenlang applaudiert, und die konnte ich auch verstehen. Vielleicht haben sie ja auch nur deshalb so wild applaudiert, weil sie das Gefühl hatten, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Ich weiß das, wie gesagt, immer noch nicht so genau, aber war auf jeden Fall gut unterhalten. Viele Momente waren auf die gleiche Art lustig und charmant, die ich an guter Aktionskunst mag. Ideen, die einem beim Busfahren durch den Kopf schießen, und man ist sofort gut drauf beim Gedanken daran, wie viel Spaß es machen würde, das tatsächlich zu machen und nicht nur zu denken und wem man davon erzählen will, wer das am Ende sehen und beklatschen soll – wie wäre es mit dem ganzen Schauspielhaus? Der Moment, in dem Marat als Lenin-Statue über der Menge schwebte und von einer großen Pose in die nächste klappte. Das war lustig, muss es wohl gewesen sein, ich musste nämlich laut lachen. Oder die ersten paar Minuten mit dem Aldi-Lidl-Bühnenbild, in dem die entwürdigten Armen tumb gegen die Gummiwände kippten und flappten wie Fische auf dem Trockenen. Das war zwar nicht lustig, aber sehr gut. Oder der Tanz von Charlotte Corday. Oder die Meditation. Wenn ich das alles aber zusammenzustecken versuche zu einem einzigen Abend, dann weiß ich nicht so richtig, was das war. Ich glaube aber, ich weiß, was das nicht war: ein Skandal. Oder eine Revolution. Vielleicht war es eine Sammlung von schönen Einfällen, die sich am Ende sehr laut verabschiedet, damit man nicht so viel nachdenkt, ob das auch alles so passt und stimmt. Vielleicht war das auch ein Stück, das gleichzeitig Angst davor hat, für spießig gehalten zu werden, und Angst vor zu viel blöder Revolutionsnaivität. Ich habe nicht fünf Minuten geklatscht, aber ich bin auch nicht rausgegangen. Ich habe mich nicht über die Verlesung der Superreichen aufgeregt, aber der Einfall war für mich rangeschmissen und ein bisschen peinlich auf eine Art, auf die mir sonst eher Kabarett peinlich ist.
Hinterher hatte mein Freund zum Glück ganze 90 Minuten im Schauspielhauskeller auf mich gewartet, es gab auch noch Bier für mich, und ruckzuck war es krachend voll. An den Nachbartischen wurde ein bisschen über das Stück gesprochen, aber dann über Jeans, Mentholzigaretten und die Neue von Oasis. Es wurde lustig, und dann sind wir nach Hause gegangen. Ich hatte einen prima Abend. Und ob das aus spießigen oder naiven Gründen so war, ist mir egal. Ach Freunde, wann hab ich euch endlich so weit?
Montag, 10. November 2008
Café Paris
Es ist ein bisschen peinlich, darauf reingefallen zu sein: ich dachte früher wirklich mal, das Café Paris wäre richtig alt. Eine Legende, in der schon vor 80 Jahren gute Leute mittelguten Wein getrunken haben und auf diese Art herrliche Abende hatten. Der Schwindel ist zu überzeugend: das alte Gewölbe, die lange, polierte Theke, die irrsinnige Lautstärke, obwohl keine Musik läuft, die Karte und die Kellner, die zu Recht stolz auf ihren Beruf sind. Erst vor vier Jahren hat mir jemand erzählt, dass es das hier erst seit 2000 oder so ähnlich gibt und dass unter diesem jadegrünen Gewölbe früher mal Wurst verkauft wurde. Bis dahin hatte das Café Paris mich aber schon so im Sack, dass mir das egal war. Es hat mich damit gefangen, dass hier jedes kleines Detail gut ist. Nichts ist lieblos. Egal, wie knackevoll der Laden ist, nie wird etwas vergessen, und wenn doch, dann gibt die Bedienung das sofort zu und tut nicht so, als würde sie sich selbst wundern, wo denn der Barmann das XY gelassen hat. Schon das Brot ist so gut, dass man fast satt ist, bis das Essen kommt, aber trotzdem habe ich noch nie etwas liegen lassen. Rund um das Café ist zwar Innenstadt, also viele Menschen, aber in dieser Straße ist sonst nicht viel los. Trotzdem ist es an einem stinknormalen Donnerstagmittag nicht leicht, hier zu zweit unterzukommen. Ich weiß auch nicht, casten die ihr Publikum? Wenn ja, wer macht das? Der macht das nämlich nicht schlecht. Ich komm nicht auf den Trick. Treiben sie einfach jeden im Viertel zusammen, der irgendwie belesen und fröhlich aussieht? Oder müssen alle mit, die in einem Tweedjacket vorbeilaufen? Nein, da muss es ein anderes Muster geben. Im Café Paris wird jeder beruhigt, der heimlich befürchtet, ab 40 spätestens wäre der Spaß aber endgültig vorbei. Hier sieht man noch Erwachsene, die sich mit Würde betrinken können. Und manchmal sieht man Frauen, die aussehen wie Paloma Picasso, neulich stand ein Mann mit Pfeife vor der Tür, und dazwischen irgendwelche Zausel und grässliche Geschäftsleute, die aber irgendwie wieder mögbar werden allein dadurch, dass sie hier sind und nicht woanders.
Mittwoch, 1. Oktober 2008
Vor Petisco, April bis September
Und manchmal auch Oktober, wenn es nicht so ist wie heute.
Was auch schön ist, sogar solches Wetter zum Ertrinken ist schön hier.
Aber dazu auf dem Schulterblatt sitzen und Rippchen abnagen will ich nicht. Und das will ich sonst fast immer!
Ich weiß, das viele Hamburger sagen, das ginge gar nicht. Dann fallen solche Formulierungen wie "sehen und gesehen werden". Wer hier sitzt, der sitzt hier nicht nur einfach so, der demonstriert eine Mischung aus Eitelkeit, Prolligkeit, Ignoranz und purem Spackentum. (Es ist übrigens richtig, richtig billig hier. Dieser Aspekt von "sehen und gesehen werden" kann also nicht gemeint sein. Ich weiß auch nicht. Einer hat damit angefangen, und nun plappern es alle nach.) Das soll zum Teil damit zu tun haben, dass das hier mal weniger ein Vergnügungsviertel als eine Mission war. Und viele von denen, die sich daran noch erinnern, packt eine teils hilflose, teils ziemlich laute Wut darüber, wie man hier einfach so rumsitzen kann mit einer Retro-Sonnenbrille und einen Kaffee trinken. Oder ein portugiesisches Bier. Manche von denen, die das stört, sind vielleicht auch selbst erst vor drei Jahren aus Stuttgart hergezogen. Wer weiß? Es wird jedenfalls ganz schön viel geschwäbelt im Schanzenviertel.
Ich habe keine Retro-Sonnenbrille, sogar überhaupt keine Sonnenbrille, und ich trinke, wenn ich schon mal beim Portugiesen bin, lieber vinho verde als Sagres. Aber davon abgesehen, was es zu bedeuten hat, hier zu sitzen, und abgesehen davon, wie manche das finden, und abgesehen von schlimmer Musik aus Boxen, die freigiebige Musikfreunde unter den Nachbarn uns allen zur Verfügung stellen (wieso tun das immer nur Leute mit blödem Musikgeschmack?), abgesehen vom Rumgestehe und davon, dass man, wenn man Pech hat, hier nach Feierabend plötzlich mitten zwischen denen sitzt, die einen schon tagsüber manchmal nerven, abgesehen von diesem und jenem und noch hundert anderen Sachen geht es mir hier oft so gut, dass ich schon eine fürchterliche Prinzessin auf der Fischkrokette sein müsste, um mich um die ganzen abgesehens zu scheren. Die Rippchen sind genau richtig braun und fettig, und ich würde ja auch mal Hühnchen nehmen, das ist nämlich auch gut, oder Sardinen oder Muscheln, aber das würde ja bedeuten, heute keine Rippchen zu nehmen, und das geht nicht.
Dann ist da noch der Weintrick. Wer hier ein Glas Wein bestellt, bekommt trotzdem eine ganze große mit Wasserperlen betaute Literkaraffe. Wenn er nur ein Glas trinkt, bezahlt er auch nur ein Glas. Aber ich habe noch nie erlebt, dass auf diese Art nicht alle dreimal so viel trinken wie geplant, und das war bisher immer gut so. Er tut auch nicht weh, der vinho verde. Weder Abends noch am nächsten Morgen. Die zweite Karaffe kommt, es wird dunkel, und die Hackisack-Spieler und der dünne hibbelige Junkie und die Mafia-Kombo sind auch schon durch. Wir bleiben sitzen, ist immerhin schon November, und wer weiß, wie lange der Sommer noch dauert?
Was auch schön ist, sogar solches Wetter zum Ertrinken ist schön hier.
Aber dazu auf dem Schulterblatt sitzen und Rippchen abnagen will ich nicht. Und das will ich sonst fast immer!
Ich weiß, das viele Hamburger sagen, das ginge gar nicht. Dann fallen solche Formulierungen wie "sehen und gesehen werden". Wer hier sitzt, der sitzt hier nicht nur einfach so, der demonstriert eine Mischung aus Eitelkeit, Prolligkeit, Ignoranz und purem Spackentum. (Es ist übrigens richtig, richtig billig hier. Dieser Aspekt von "sehen und gesehen werden" kann also nicht gemeint sein. Ich weiß auch nicht. Einer hat damit angefangen, und nun plappern es alle nach.) Das soll zum Teil damit zu tun haben, dass das hier mal weniger ein Vergnügungsviertel als eine Mission war. Und viele von denen, die sich daran noch erinnern, packt eine teils hilflose, teils ziemlich laute Wut darüber, wie man hier einfach so rumsitzen kann mit einer Retro-Sonnenbrille und einen Kaffee trinken. Oder ein portugiesisches Bier. Manche von denen, die das stört, sind vielleicht auch selbst erst vor drei Jahren aus Stuttgart hergezogen. Wer weiß? Es wird jedenfalls ganz schön viel geschwäbelt im Schanzenviertel.
Ich habe keine Retro-Sonnenbrille, sogar überhaupt keine Sonnenbrille, und ich trinke, wenn ich schon mal beim Portugiesen bin, lieber vinho verde als Sagres. Aber davon abgesehen, was es zu bedeuten hat, hier zu sitzen, und abgesehen davon, wie manche das finden, und abgesehen von schlimmer Musik aus Boxen, die freigiebige Musikfreunde unter den Nachbarn uns allen zur Verfügung stellen (wieso tun das immer nur Leute mit blödem Musikgeschmack?), abgesehen vom Rumgestehe und davon, dass man, wenn man Pech hat, hier nach Feierabend plötzlich mitten zwischen denen sitzt, die einen schon tagsüber manchmal nerven, abgesehen von diesem und jenem und noch hundert anderen Sachen geht es mir hier oft so gut, dass ich schon eine fürchterliche Prinzessin auf der Fischkrokette sein müsste, um mich um die ganzen abgesehens zu scheren. Die Rippchen sind genau richtig braun und fettig, und ich würde ja auch mal Hühnchen nehmen, das ist nämlich auch gut, oder Sardinen oder Muscheln, aber das würde ja bedeuten, heute keine Rippchen zu nehmen, und das geht nicht.
Dann ist da noch der Weintrick. Wer hier ein Glas Wein bestellt, bekommt trotzdem eine ganze große mit Wasserperlen betaute Literkaraffe. Wenn er nur ein Glas trinkt, bezahlt er auch nur ein Glas. Aber ich habe noch nie erlebt, dass auf diese Art nicht alle dreimal so viel trinken wie geplant, und das war bisher immer gut so. Er tut auch nicht weh, der vinho verde. Weder Abends noch am nächsten Morgen. Die zweite Karaffe kommt, es wird dunkel, und die Hackisack-Spieler und der dünne hibbelige Junkie und die Mafia-Kombo sind auch schon durch. Wir bleiben sitzen, ist immerhin schon November, und wer weiß, wie lange der Sommer noch dauert?
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Mittwoch, 10. September 2008
Die Cozy Bar
Oft denkt man sich als Großstadtmensch mit Beruf, was solls, wenn alles nichts wird, dann springe ich meinem Chef mit dem nackten Arsch ins Gesicht und mache eine Bar auf.
Die Cozy Bar ist ein Beispiel, das einen von diesem Plan abbringen kann. Denn sie ist so eine feine Sache! Und trotzdem ist hier kaum jemals ein Mensch zu sehen. Täglich warte ich drauf, dass sie geschlossen wird.
Das schönste in der Cozy Bar sind die Tapeten. Außerdem ist schön an ihr, dass sie sich tapfer in eine Gegend wagt, die sonst, was das Nachtleben betrifft, ziemlich lau ist. In dieser Gegend kauft man Kontaktlinsenflüssigkeit oder Petersilie, und wenn man davon Durst bekommt, geht man nach Hause oder trinkt einen Milchkaffee irgendwo anders. Aber einer muss schließlich anfangen, auch in dieser Ecke von Eimsbüttel was los zu machen! Ich finde es nobel von der Cozy Bar, hier zu sein und nicht ein paar Straßen weiter, wo sie vermutlich eine Goldgrube wäre. So ist sie ein netter Ort, um sein Jever zu trinken, während man auf seine Verabredung wartet oder auf die Wäsche im Waschsalon um die Ecke.
Manchmal kommen DJs. Ziemlich oft sogar. Die haben Bärte und legen Metal auf oder andere Sachen, die eigentlich nicht zur Einrichtung passen. Darüber wundere ich mich kurz, bis mir einfällt, dass ich ja auch nicht zur Einrichtung passe, also was soll's? Ich glaube angesichts des miesen Umsatzes, mit dem man die DJs, Barmädchen und leckeren Biere wohl kaum bezahlen kann, die Cozy Bar ist irgend jemandes Hobby. Wer auch immer das ist, ich hoffe, er sucht sich demnächst nicht ein neues Hobby wie World of Warcraft oder Nordic Walking.
Die Cozy Bar ist ein Beispiel, das einen von diesem Plan abbringen kann. Denn sie ist so eine feine Sache! Und trotzdem ist hier kaum jemals ein Mensch zu sehen. Täglich warte ich drauf, dass sie geschlossen wird.
Das schönste in der Cozy Bar sind die Tapeten. Außerdem ist schön an ihr, dass sie sich tapfer in eine Gegend wagt, die sonst, was das Nachtleben betrifft, ziemlich lau ist. In dieser Gegend kauft man Kontaktlinsenflüssigkeit oder Petersilie, und wenn man davon Durst bekommt, geht man nach Hause oder trinkt einen Milchkaffee irgendwo anders. Aber einer muss schließlich anfangen, auch in dieser Ecke von Eimsbüttel was los zu machen! Ich finde es nobel von der Cozy Bar, hier zu sein und nicht ein paar Straßen weiter, wo sie vermutlich eine Goldgrube wäre. So ist sie ein netter Ort, um sein Jever zu trinken, während man auf seine Verabredung wartet oder auf die Wäsche im Waschsalon um die Ecke.
Manchmal kommen DJs. Ziemlich oft sogar. Die haben Bärte und legen Metal auf oder andere Sachen, die eigentlich nicht zur Einrichtung passen. Darüber wundere ich mich kurz, bis mir einfällt, dass ich ja auch nicht zur Einrichtung passe, also was soll's? Ich glaube angesichts des miesen Umsatzes, mit dem man die DJs, Barmädchen und leckeren Biere wohl kaum bezahlen kann, die Cozy Bar ist irgend jemandes Hobby. Wer auch immer das ist, ich hoffe, er sucht sich demnächst nicht ein neues Hobby wie World of Warcraft oder Nordic Walking.
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