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Dienstag, 18. November 2008

Schauspielhaus

Ich habe Freunde, von deren Verstand und Geschmack ich die höchste Meinung habe, und die niemals ins Theater gehen würden. Ich kann ihnen erzählen, was ich will, und selbst wenn ich das dufte Publikum, die plüschige Kulisse und die Premierenfeiern anführe, auf denen es ungefähr dreimal so lustig ist wie auf der öden Beletage oder Comitè-Party, nützt das gar nichts. Sie werden einfach nie mitkommen und von Weitem immer finden, ein Besuch im Theater wäre attitüdenhaft, langweilig und so ziemlich das Letzte, worauf sie an einem Freitag Abend Lust haben.
Manchmal sitze ich im Schauspielhaus und kann sie verstehen. Manchmal sitze ich auch da und denke, wenn ihr das hier sehen würdet, nur fünf Minuten lang, dann wüsstet ihr, wovon ich spreche. Und dann gibt es wieder Abende, da weiß ich auch nach zwei Monaten noch nicht, wie ich das jetzt eigentlich genau fand. Der Marat-Abend neulich war so einer. Mein Freund ist nach zehn Minuten in den Keller verschwunden, um ein Bier zu trinken, und ich konnte ihn verstehen. Andere haben minutenlang applaudiert, und die konnte ich auch verstehen. Vielleicht haben sie ja auch nur deshalb so wild applaudiert, weil sie das Gefühl hatten, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Ich weiß das, wie gesagt, immer noch nicht so genau, aber war auf jeden Fall gut unterhalten. Viele Momente waren auf die gleiche Art lustig und charmant, die ich an guter Aktionskunst mag. Ideen, die einem beim Busfahren durch den Kopf schießen, und man ist sofort gut drauf beim Gedanken daran, wie viel Spaß es machen würde, das tatsächlich zu machen und nicht nur zu denken und wem man davon erzählen will, wer das am Ende sehen und beklatschen soll – wie wäre es mit dem ganzen Schauspielhaus? Der Moment, in dem Marat als Lenin-Statue über der Menge schwebte und von einer großen Pose in die nächste klappte. Das war lustig, muss es wohl gewesen sein, ich musste nämlich laut lachen. Oder die ersten paar Minuten mit dem Aldi-Lidl-Bühnenbild, in dem die entwürdigten Armen tumb gegen die Gummiwände kippten und flappten wie Fische auf dem Trockenen. Das war zwar nicht lustig, aber sehr gut. Oder der Tanz von Charlotte Corday. Oder die Meditation. Wenn ich das alles aber zusammenzustecken versuche zu einem einzigen Abend, dann weiß ich nicht so richtig, was das war. Ich glaube aber, ich weiß, was das nicht war: ein Skandal. Oder eine Revolution. Vielleicht war es eine Sammlung von schönen Einfällen, die sich am Ende sehr laut verabschiedet, damit man nicht so viel nachdenkt, ob das auch alles so passt und stimmt. Vielleicht war das auch ein Stück, das gleichzeitig Angst davor hat, für spießig gehalten zu werden, und Angst vor zu viel blöder Revolutionsnaivität. Ich habe nicht fünf Minuten geklatscht, aber ich bin auch nicht rausgegangen. Ich habe mich nicht über die Verlesung der Superreichen aufgeregt, aber der Einfall war für mich rangeschmissen und ein bisschen peinlich auf eine Art, auf die mir sonst eher Kabarett peinlich ist.
Hinterher hatte mein Freund zum Glück ganze 90 Minuten im Schauspielhauskeller auf mich gewartet, es gab auch noch Bier für mich, und ruckzuck war es krachend voll. An den Nachbartischen wurde ein bisschen über das Stück gesprochen, aber dann über Jeans, Mentholzigaretten und die Neue von Oasis. Es wurde lustig, und dann sind wir nach Hause gegangen. Ich hatte einen prima Abend. Und ob das aus spießigen oder naiven Gründen so war, ist mir egal. Ach Freunde, wann hab ich euch endlich so weit?

Freitag, 14. November 2008

Bücherhallen am Hühnerposten

Arme, arme Büchereien. Viele denken, dass sie komisch riechen und dass es dort nur Nerds, alte Frauen und dürre, schmallippige Bibliothekarinnen gibt. Dann gibt es noch die Geschichten von ausgeliehenen Büchern, in denen jemand eine Scheibe Salami vergessen hat. Von solchen Geschichten soll sich aber bitte niemand abschrecken lassen, in die Bücherhallen zu kommen! Das meiste davon ist Blödsinn, obwohl es natürlich wahr ist, dass die Dichte an wirklich heißen Outfits abnimmt, wenn man einmal die Spinde passiert hat. (Die Spinde würden mich fast nerven als die die angeblichen Salami-Lesezeichen. Wieso haben die hier nicht einfach so ein Piepding, das merkt, wenn jemand was klauen will? Blöde Spinde. Ich hasse die Spinde.)
Für Büchereien spricht jede Menge. Lange bevor es die persönliche amazon-Leseempfehlung gab, gab es die meterlangen Regale von Büchereien, in denen man zwar das nicht findet, was man sucht, aber dafür etwas anderes, viel Besseres. Büchereien sind wie ein Laden, den man mit dem Plan betritt, Klopapier und Tomaten zu kaufen, und wenn man rauskommt, hat man ein neues Pony dabei. Jedenfalls die guten Büchereien. Damit eine Bücherei gut ist, muss sie erst mal groß sein. Das sind die Bücherhallen auf jeden Fall. Außerdem ist es wichtig, dass die Auswahl der Bücher nicht von einem Kreis von Menschen betrieben wird, die alle das gleiche wollen, sonst muss am Ende die ganze Stadt ständig diese grässlichen historischen Romane über die Frauen oder Schwestern oder heimlichen Geliebten großer Männer lesen. Auch da hat Hamburg noch mal Glück gehabt. Und dann ist an einer Bücherei noch wichtig, dass sie so gelegen ist, dass man ihretwegen und nur ihretwegen in die Gegend kommt. Dann hat man nämlich Zeit, um vom Plan abzukommen. Wenn man erst mal weiß, dass unten im Spind die Jacke direkt neben einer Tüte voller Muscheln liegt, oder wenn man eigentlich nur auf dem Weg zum Pilates ist, hat man nicht die Ruhe, um herauszufinden, wer eigentlich Pieke Biermann ist. Noch ein Pluspunkt für Hamburg: am Hühnerposten ist sonst nichts. Nur die Deichtorhallen um die Ecke, dann noch der Hauptbahnhof, und ein Asia-Supermarkt schräg gegenüber. Man könnte natürlich hinterher noch im Jena Paradies verabredet sein oder sich die F.C. Gundlach-Ausstellung angucken wollen, aber das fällt zum Glück nicht unter eilige Erledigung.

Ach, Mann, wenn man nur mehr Zeit hätte, um wenigstens einmal im Monat hier so lange an den Regalen vorbeizulaufen und vertikale Bücherrücken zu lesen, bis der Nacken knackt. Und wenn man nur plietsch genug wäre, die Bücher auch wieder abzugeben. Manche von uns, die kriegen das hin, für jedes zweite Buch am Ende den Kaufpreis zu bezahlen. Manche von uns lesen auch immer acht Bücher gleichzeitig, so dass sie am Ende sogar für jedes einzelne zahlen, weil alle erst nach drei Monaten ausgelesen sind. Manche, die stapeln die ausgeliehenen Bücher neben dem Bett, und irgendwann stellen sie dann eine Lampe oder Vase oder sonstwas drauf, so dass sie die Bücher gar nicht mehr als Bücher wahrnehmen, sondern nur als Tischchen, und dann wundern sie sich eines Tages, wenn die Briefe aus den Bücherhallen immer wichtiger aussehen und schon fast zu qualmen scheinen vor Dringlichkeit. Manche sind wirklich zu blöd für die schönen Bücherhallen.

Montag, 10. November 2008

Café Paris

Es ist ein bisschen peinlich, darauf reingefallen zu sein: ich dachte früher wirklich mal, das Café Paris wäre richtig alt. Eine Legende, in der schon vor 80 Jahren gute Leute mittelguten Wein getrunken haben und auf diese Art herrliche Abende hatten. Der Schwindel ist zu überzeugend: das alte Gewölbe, die lange, polierte Theke, die irrsinnige Lautstärke, obwohl keine Musik läuft, die Karte und die Kellner, die zu Recht stolz auf ihren Beruf sind. Erst vor vier Jahren hat mir jemand erzählt, dass es das hier erst seit 2000 oder so ähnlich gibt und dass unter diesem jadegrünen Gewölbe früher mal Wurst verkauft wurde. Bis dahin hatte das Café Paris mich aber schon so im Sack, dass mir das egal war. Es hat mich damit gefangen, dass hier jedes kleines Detail gut ist. Nichts ist lieblos. Egal, wie knackevoll der Laden ist, nie wird etwas vergessen, und wenn doch, dann gibt die Bedienung das sofort zu und tut nicht so, als würde sie sich selbst wundern, wo denn der Barmann das XY gelassen hat. Schon das Brot ist so gut, dass man fast satt ist, bis das Essen kommt, aber trotzdem habe ich noch nie etwas liegen lassen. Rund um das Café ist zwar Innenstadt, also viele Menschen, aber in dieser Straße ist sonst nicht viel los. Trotzdem ist es an einem stinknormalen Donnerstagmittag nicht leicht, hier zu zweit unterzukommen. Ich weiß auch nicht, casten die ihr Publikum? Wenn ja, wer macht das? Der macht das nämlich nicht schlecht. Ich komm nicht auf den Trick. Treiben sie einfach jeden im Viertel zusammen, der irgendwie belesen und fröhlich aussieht? Oder müssen alle mit, die in einem Tweedjacket vorbeilaufen? Nein, da muss es ein anderes Muster geben. Im Café Paris wird jeder beruhigt, der heimlich befürchtet, ab 40 spätestens wäre der Spaß aber endgültig vorbei. Hier sieht man noch Erwachsene, die sich mit Würde betrinken können. Und manchmal sieht man Frauen, die aussehen wie Paloma Picasso, neulich stand ein Mann mit Pfeife vor der Tür, und dazwischen irgendwelche Zausel und grässliche Geschäftsleute, die aber irgendwie wieder mögbar werden allein dadurch, dass sie hier sind und nicht woanders.

Sonntag, 24. August 2008

Der Bio-Pommesstand am Chilehaus

Donnerstag ist Pommestag. Jeden Donnerstag ist Markt auf dem Parkplatz am Chilehaus, und wer in der Nähe arbeitet, hat Glück: Die Bio-Imbissbude am oberen Ende macht richtig gute Pommes. Mit dem Prädikat „das beste XY der Stadt“ ist man in Hamburg schnell. Ich bin ein bisschen vorsichtiger. Wer weiß, ob es nicht irgendwo in Harburg oder Poppenbüttel bessere gibt? Trotzdem: falls ich so jemand wäre, der ständig findet, dass irgendwas das beste der Stadt ist, dann würde ich sagen, die besten Pommes der Stadt gibt es hier. Sie sind knallheiß (da hört es bei vielen anderen schon auf!), gerade richtig dick und lang, haben eine dünne, knusprige Hülle und sind in der Mitte schön cremig. Und die Portion ist genau so groß, dass ich keine Fritte mehr und keine weniger wollen würde. Dass sie dazu auch noch aus Biokartoffeln gemacht werden und dass der Mann hinterm Tresen aussieht wie ein freundlicher Grundschullehrer, der einem bestimmt NIE was Ungesundes verkaufen würde, macht alles noch schöner. Das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, hieß die Fritteuse „Fri-Fri“. Wie Frou-Frou!

Biopommes sind zwar besser als Nicht-Bio-Pommes. Aber der Unterschied ist kein Vergleich zu dem, den man bei der guten Biomayonnaise und den Biowürstchen schmeckt. Es gibt Lammbratwürstchen, die zwar ein bisschen streng schmecken und sich vor allem mit dem Senf beißen, aber trotzdem keine Spur von dem unguten Gefühl hinterlassen, das man manchmal nach einer normalen Weihnachtsmarktbratwurst hat. Das hier ist Bratwurst für Erwachsene! Oder die Currywurst, die hier mit Curryketchup und Currypulver gemacht wird statt mit dieser fiesen braunen Sauce, auf die sich viele Frittenbuden zu Unrecht so viel einbilden.

Wie sich das für eine Bio-Imbissbude gehört, gibt es auch eine Gemüse-Reis-Pfanne (die ich nie essen würde, so lange das bedeutet, keine Pommes zu essen) und Bio-Limo. Im Winter wird es kuschelig, dann drängelt sich die Kundschaft an den zwei kleinen Tischchen unter der Plane zusammen und pustet auf ihre Pommes und ihren alkoholfreien Glühwein.

Was gibt es sonst noch auf dem Markt? Einen Bonbonstand, der genau so stinkt wie alle Bonbonstände auf allen Märkten des Landes. Eine Fischbude, an der man außer Fischbrötchen und frischem Fisch auch ungepulte Krabben kaufen kann. Die kann man dann mitnehmen in Richtung Speicherstadt, sich auf das Mäuerchen am Kanal setzen und eine schöne Sauerei veranstalten. Dann gibt es einen Stand, der nachgemachte Tupperware verkauft (das MUSS eine Geldwaschanlage sein, ich hab noch nie jemanden was kaufen sehen), einen Blumenstand, zwei Hofmetzger-Stände, einen Bäcker, einen wirklich, wirklich schlechten portugiesischen Imbiss, einen Hähnchenstand mit einer langen Schlange davor, einen Stand mit nach Knoblauch riechenden Pasten und einen zweiten Bio-Imbiss, der aber härter drauf ist als unsere Pommesbude. Dort gibt es nur Bratlinge mit Joghurtsauce, Poster giften gegen das Essen von Fleisch, der Mann hinterm Tresen sieht immer aus, als ob er friert, und gegen unsere Bude hat er leider keine Chance.