Ich habe Freunde, von deren Verstand und Geschmack ich die höchste Meinung habe, und die niemals ins Theater gehen würden. Ich kann ihnen erzählen, was ich will, und selbst wenn ich das dufte Publikum, die plüschige Kulisse und die Premierenfeiern anführe, auf denen es ungefähr dreimal so lustig ist wie auf der öden Beletage oder Comitè-Party, nützt das gar nichts. Sie werden einfach nie mitkommen und von Weitem immer finden, ein Besuch im Theater wäre attitüdenhaft, langweilig und so ziemlich das Letzte, worauf sie an einem Freitag Abend Lust haben.
Manchmal sitze ich im Schauspielhaus und kann sie verstehen. Manchmal sitze ich auch da und denke, wenn ihr das hier sehen würdet, nur fünf Minuten lang, dann wüsstet ihr, wovon ich spreche. Und dann gibt es wieder Abende, da weiß ich auch nach zwei Monaten noch nicht, wie ich das jetzt eigentlich genau fand. Der Marat-Abend neulich war so einer. Mein Freund ist nach zehn Minuten in den Keller verschwunden, um ein Bier zu trinken, und ich konnte ihn verstehen. Andere haben minutenlang applaudiert, und die konnte ich auch verstehen. Vielleicht haben sie ja auch nur deshalb so wild applaudiert, weil sie das Gefühl hatten, bei etwas Großem dabei gewesen zu sein. Ich weiß das, wie gesagt, immer noch nicht so genau, aber war auf jeden Fall gut unterhalten. Viele Momente waren auf die gleiche Art lustig und charmant, die ich an guter Aktionskunst mag. Ideen, die einem beim Busfahren durch den Kopf schießen, und man ist sofort gut drauf beim Gedanken daran, wie viel Spaß es machen würde, das tatsächlich zu machen und nicht nur zu denken und wem man davon erzählen will, wer das am Ende sehen und beklatschen soll – wie wäre es mit dem ganzen Schauspielhaus? Der Moment, in dem Marat als Lenin-Statue über der Menge schwebte und von einer großen Pose in die nächste klappte. Das war lustig, muss es wohl gewesen sein, ich musste nämlich laut lachen. Oder die ersten paar Minuten mit dem Aldi-Lidl-Bühnenbild, in dem die entwürdigten Armen tumb gegen die Gummiwände kippten und flappten wie Fische auf dem Trockenen. Das war zwar nicht lustig, aber sehr gut. Oder der Tanz von Charlotte Corday. Oder die Meditation. Wenn ich das alles aber zusammenzustecken versuche zu einem einzigen Abend, dann weiß ich nicht so richtig, was das war. Ich glaube aber, ich weiß, was das nicht war: ein Skandal. Oder eine Revolution. Vielleicht war es eine Sammlung von schönen Einfällen, die sich am Ende sehr laut verabschiedet, damit man nicht so viel nachdenkt, ob das auch alles so passt und stimmt. Vielleicht war das auch ein Stück, das gleichzeitig Angst davor hat, für spießig gehalten zu werden, und Angst vor zu viel blöder Revolutionsnaivität. Ich habe nicht fünf Minuten geklatscht, aber ich bin auch nicht rausgegangen. Ich habe mich nicht über die Verlesung der Superreichen aufgeregt, aber der Einfall war für mich rangeschmissen und ein bisschen peinlich auf eine Art, auf die mir sonst eher Kabarett peinlich ist.
Hinterher hatte mein Freund zum Glück ganze 90 Minuten im Schauspielhauskeller auf mich gewartet, es gab auch noch Bier für mich, und ruckzuck war es krachend voll. An den Nachbartischen wurde ein bisschen über das Stück gesprochen, aber dann über Jeans, Mentholzigaretten und die Neue von Oasis. Es wurde lustig, und dann sind wir nach Hause gegangen. Ich hatte einen prima Abend. Und ob das aus spießigen oder naiven Gründen so war, ist mir egal. Ach Freunde, wann hab ich euch endlich so weit?
Dienstag, 18. November 2008
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