Und manchmal auch Oktober, wenn es nicht so ist wie heute.
Was auch schön ist, sogar solches Wetter zum Ertrinken ist schön hier.
Aber dazu auf dem Schulterblatt sitzen und Rippchen abnagen will ich nicht. Und das will ich sonst fast immer!
Ich weiß, das viele Hamburger sagen, das ginge gar nicht. Dann fallen solche Formulierungen wie "sehen und gesehen werden". Wer hier sitzt, der sitzt hier nicht nur einfach so, der demonstriert eine Mischung aus Eitelkeit, Prolligkeit, Ignoranz und purem Spackentum. (Es ist übrigens richtig, richtig billig hier. Dieser Aspekt von "sehen und gesehen werden" kann also nicht gemeint sein. Ich weiß auch nicht. Einer hat damit angefangen, und nun plappern es alle nach.) Das soll zum Teil damit zu tun haben, dass das hier mal weniger ein Vergnügungsviertel als eine Mission war. Und viele von denen, die sich daran noch erinnern, packt eine teils hilflose, teils ziemlich laute Wut darüber, wie man hier einfach so rumsitzen kann mit einer Retro-Sonnenbrille und einen Kaffee trinken. Oder ein portugiesisches Bier. Manche von denen, die das stört, sind vielleicht auch selbst erst vor drei Jahren aus Stuttgart hergezogen. Wer weiß? Es wird jedenfalls ganz schön viel geschwäbelt im Schanzenviertel.
Ich habe keine Retro-Sonnenbrille, sogar überhaupt keine Sonnenbrille, und ich trinke, wenn ich schon mal beim Portugiesen bin, lieber vinho verde als Sagres. Aber davon abgesehen, was es zu bedeuten hat, hier zu sitzen, und abgesehen davon, wie manche das finden, und abgesehen von schlimmer Musik aus Boxen, die freigiebige Musikfreunde unter den Nachbarn uns allen zur Verfügung stellen (wieso tun das immer nur Leute mit blödem Musikgeschmack?), abgesehen vom Rumgestehe und davon, dass man, wenn man Pech hat, hier nach Feierabend plötzlich mitten zwischen denen sitzt, die einen schon tagsüber manchmal nerven, abgesehen von diesem und jenem und noch hundert anderen Sachen geht es mir hier oft so gut, dass ich schon eine fürchterliche Prinzessin auf der Fischkrokette sein müsste, um mich um die ganzen abgesehens zu scheren. Die Rippchen sind genau richtig braun und fettig, und ich würde ja auch mal Hühnchen nehmen, das ist nämlich auch gut, oder Sardinen oder Muscheln, aber das würde ja bedeuten, heute keine Rippchen zu nehmen, und das geht nicht.
Dann ist da noch der Weintrick. Wer hier ein Glas Wein bestellt, bekommt trotzdem eine ganze große mit Wasserperlen betaute Literkaraffe. Wenn er nur ein Glas trinkt, bezahlt er auch nur ein Glas. Aber ich habe noch nie erlebt, dass auf diese Art nicht alle dreimal so viel trinken wie geplant, und das war bisher immer gut so. Er tut auch nicht weh, der vinho verde. Weder Abends noch am nächsten Morgen. Die zweite Karaffe kommt, es wird dunkel, und die Hackisack-Spieler und der dünne hibbelige Junkie und die Mafia-Kombo sind auch schon durch. Wir bleiben sitzen, ist immerhin schon November, und wer weiß, wie lange der Sommer noch dauert?
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Mittwoch, 1. Oktober 2008
Montag, 1. September 2008
Flohmarkt am Lehmweg
Es gibt Flohmärkte, auf denen ist man sich nur am Ärgern. Da steht man an seinem kostbaren Samstag um zehn auf, verkneift sich alles nette Einkaufen und verschiebt Lebensmittel, Body Lotion usw. auf später und damit auf Penny, steigt am Ende sogar noch aufs Fahrrad oder in die Ubahn und fährt zum Flohmarkt. Nur, um da nichts anderes zu finden als Legionen von windigen Gestalten, die ihre 200 alten Autoradios verkaufen, Menschen, die gebrauchte Deoroller loswerden wollen und Profis, die vor jede Beschreibung ihrer Wahre das Wort „original“ hängen. Wie in „Original 90er“ oder „Original versilbert“ oder „Original angekokelt“. (Und das ist nicht gelogen, einmal habe ich gehört, wie ein Händler einer Studentin einen original angekokelten Ikea-Stuhl verkaufen wollte! Und ich schwöre, sie hat drüber nachgedacht!)
Der Lehmweg-Flohmarkt ist besser. Zwar ist die Profi-Dichte hoch (ist das so teuer hier?), aber die Profis sind weder größenwahnsinnig noch zu wild auf die Farbe orange. 60 Euro für einen hübschen geschmiedeten und pastellig lackierten Kronleuchter, drei Euro für gläserne Fliegenpilze, die dieses Jahr an den Baum kommen und bis dahin an den Rosmarin, und 80 Euro für einen hundert Jahre alten Biergartentisch, der nicht nur perfekt zu meinen uralten Biergartenstühlen passt, sondern auch aus dem Rumpelbalkon endlich einen Platz macht, an dem ich gerne bin (und angetrieben von Rosé auf Eis diesen Artikel schreibe). Eine Frau wollte für eine nicht so dolle Opernplatte 26 Euro, aber vielleicht hatte sie eine Wette verloren und konnte nicht anders, wer weiß?
Eigentlich müsste es hier Prellungen geben bei den tollen Sachen, aber die Leute treibt vielleicht auch der Sportsgeist hierher, irgend einen echten Schatz für fünf Euro zu schießen, und das passiert auf Hamburgs Flohmärkten wohl nur noch selten. Aber eine Lampe kostet sogar im Baumarkt Geld. Ich kann nicht verstehen, wieso man um kurz vor vier noch solche Brummer findet und die Leute nicht alles kurz und klein gekauft haben!
Davon abgesehen die einzigen Tiefpunkte:
- das schon aufgetaute grüne Slush am Crepestand
- ein Scottie, der mich von dem Plan abgebracht hat, einen zu besitzen und täglich zwei Stunden lang laut über ihn zu lachen
- dass der Stand mit dem riesigen schweinchenförmigen Schneidebrett vom letzten Mal nicht wieder da war
Und der Lehmweg-Flohmarkt hat noch einen großen Vorteil: der nächste Cheesie ist immer nur zwei Minuten entfernt. Und das am Samstag... mal drüber nachdenken!
Der Lehmweg-Flohmarkt ist besser. Zwar ist die Profi-Dichte hoch (ist das so teuer hier?), aber die Profis sind weder größenwahnsinnig noch zu wild auf die Farbe orange. 60 Euro für einen hübschen geschmiedeten und pastellig lackierten Kronleuchter, drei Euro für gläserne Fliegenpilze, die dieses Jahr an den Baum kommen und bis dahin an den Rosmarin, und 80 Euro für einen hundert Jahre alten Biergartentisch, der nicht nur perfekt zu meinen uralten Biergartenstühlen passt, sondern auch aus dem Rumpelbalkon endlich einen Platz macht, an dem ich gerne bin (und angetrieben von Rosé auf Eis diesen Artikel schreibe). Eine Frau wollte für eine nicht so dolle Opernplatte 26 Euro, aber vielleicht hatte sie eine Wette verloren und konnte nicht anders, wer weiß?
Eigentlich müsste es hier Prellungen geben bei den tollen Sachen, aber die Leute treibt vielleicht auch der Sportsgeist hierher, irgend einen echten Schatz für fünf Euro zu schießen, und das passiert auf Hamburgs Flohmärkten wohl nur noch selten. Aber eine Lampe kostet sogar im Baumarkt Geld. Ich kann nicht verstehen, wieso man um kurz vor vier noch solche Brummer findet und die Leute nicht alles kurz und klein gekauft haben!
Davon abgesehen die einzigen Tiefpunkte:
- das schon aufgetaute grüne Slush am Crepestand
- ein Scottie, der mich von dem Plan abgebracht hat, einen zu besitzen und täglich zwei Stunden lang laut über ihn zu lachen
- dass der Stand mit dem riesigen schweinchenförmigen Schneidebrett vom letzten Mal nicht wieder da war
Und der Lehmweg-Flohmarkt hat noch einen großen Vorteil: der nächste Cheesie ist immer nur zwei Minuten entfernt. Und das am Samstag... mal drüber nachdenken!
Sonntag, 24. August 2008
Der Bio-Pommesstand am Chilehaus
Donnerstag ist Pommestag. Jeden Donnerstag ist Markt auf dem Parkplatz am Chilehaus, und wer in der Nähe arbeitet, hat Glück: Die Bio-Imbissbude am oberen Ende macht richtig gute Pommes. Mit dem Prädikat „das beste XY der Stadt“ ist man in Hamburg schnell. Ich bin ein bisschen vorsichtiger. Wer weiß, ob es nicht irgendwo in Harburg oder Poppenbüttel bessere gibt? Trotzdem: falls ich so jemand wäre, der ständig findet, dass irgendwas das beste der Stadt ist, dann würde ich sagen, die besten Pommes der Stadt gibt es hier. Sie sind knallheiß (da hört es bei vielen anderen schon auf!), gerade richtig dick und lang, haben eine dünne, knusprige Hülle und sind in der Mitte schön cremig. Und die Portion ist genau so groß, dass ich keine Fritte mehr und keine weniger wollen würde. Dass sie dazu auch noch aus Biokartoffeln gemacht werden und dass der Mann hinterm Tresen aussieht wie ein freundlicher Grundschullehrer, der einem bestimmt NIE was Ungesundes verkaufen würde, macht alles noch schöner. Das letzte Mal, als ich nachgesehen habe, hieß die Fritteuse „Fri-Fri“. Wie Frou-Frou!
Biopommes sind zwar besser als Nicht-Bio-Pommes. Aber der Unterschied ist kein Vergleich zu dem, den man bei der guten Biomayonnaise und den Biowürstchen schmeckt. Es gibt Lammbratwürstchen, die zwar ein bisschen streng schmecken und sich vor allem mit dem Senf beißen, aber trotzdem keine Spur von dem unguten Gefühl hinterlassen, das man manchmal nach einer normalen Weihnachtsmarktbratwurst hat. Das hier ist Bratwurst für Erwachsene! Oder die Currywurst, die hier mit Curryketchup und Currypulver gemacht wird statt mit dieser fiesen braunen Sauce, auf die sich viele Frittenbuden zu Unrecht so viel einbilden.
Wie sich das für eine Bio-Imbissbude gehört, gibt es auch eine Gemüse-Reis-Pfanne (die ich nie essen würde, so lange das bedeutet, keine Pommes zu essen) und Bio-Limo. Im Winter wird es kuschelig, dann drängelt sich die Kundschaft an den zwei kleinen Tischchen unter der Plane zusammen und pustet auf ihre Pommes und ihren alkoholfreien Glühwein.
Was gibt es sonst noch auf dem Markt? Einen Bonbonstand, der genau so stinkt wie alle Bonbonstände auf allen Märkten des Landes. Eine Fischbude, an der man außer Fischbrötchen und frischem Fisch auch ungepulte Krabben kaufen kann. Die kann man dann mitnehmen in Richtung Speicherstadt, sich auf das Mäuerchen am Kanal setzen und eine schöne Sauerei veranstalten. Dann gibt es einen Stand, der nachgemachte Tupperware verkauft (das MUSS eine Geldwaschanlage sein, ich hab noch nie jemanden was kaufen sehen), einen Blumenstand, zwei Hofmetzger-Stände, einen Bäcker, einen wirklich, wirklich schlechten portugiesischen Imbiss, einen Hähnchenstand mit einer langen Schlange davor, einen Stand mit nach Knoblauch riechenden Pasten und einen zweiten Bio-Imbiss, der aber härter drauf ist als unsere Pommesbude. Dort gibt es nur Bratlinge mit Joghurtsauce, Poster giften gegen das Essen von Fleisch, der Mann hinterm Tresen sieht immer aus, als ob er friert, und gegen unsere Bude hat er leider keine Chance.
Biopommes sind zwar besser als Nicht-Bio-Pommes. Aber der Unterschied ist kein Vergleich zu dem, den man bei der guten Biomayonnaise und den Biowürstchen schmeckt. Es gibt Lammbratwürstchen, die zwar ein bisschen streng schmecken und sich vor allem mit dem Senf beißen, aber trotzdem keine Spur von dem unguten Gefühl hinterlassen, das man manchmal nach einer normalen Weihnachtsmarktbratwurst hat. Das hier ist Bratwurst für Erwachsene! Oder die Currywurst, die hier mit Curryketchup und Currypulver gemacht wird statt mit dieser fiesen braunen Sauce, auf die sich viele Frittenbuden zu Unrecht so viel einbilden.
Wie sich das für eine Bio-Imbissbude gehört, gibt es auch eine Gemüse-Reis-Pfanne (die ich nie essen würde, so lange das bedeutet, keine Pommes zu essen) und Bio-Limo. Im Winter wird es kuschelig, dann drängelt sich die Kundschaft an den zwei kleinen Tischchen unter der Plane zusammen und pustet auf ihre Pommes und ihren alkoholfreien Glühwein.
Was gibt es sonst noch auf dem Markt? Einen Bonbonstand, der genau so stinkt wie alle Bonbonstände auf allen Märkten des Landes. Eine Fischbude, an der man außer Fischbrötchen und frischem Fisch auch ungepulte Krabben kaufen kann. Die kann man dann mitnehmen in Richtung Speicherstadt, sich auf das Mäuerchen am Kanal setzen und eine schöne Sauerei veranstalten. Dann gibt es einen Stand, der nachgemachte Tupperware verkauft (das MUSS eine Geldwaschanlage sein, ich hab noch nie jemanden was kaufen sehen), einen Blumenstand, zwei Hofmetzger-Stände, einen Bäcker, einen wirklich, wirklich schlechten portugiesischen Imbiss, einen Hähnchenstand mit einer langen Schlange davor, einen Stand mit nach Knoblauch riechenden Pasten und einen zweiten Bio-Imbiss, der aber härter drauf ist als unsere Pommesbude. Dort gibt es nur Bratlinge mit Joghurtsauce, Poster giften gegen das Essen von Fleisch, der Mann hinterm Tresen sieht immer aus, als ob er friert, und gegen unsere Bude hat er leider keine Chance.
Donnerstag, 21. August 2008
Strandperle im Oktober
Wenn man im Oktober nach Hamburg zieht, noch nicht weiß, wie einem geschieht und trotzdem schnell das Gefühl haben will, hier zu Hause zu sein, dann habe ich einen Vorschlag: an einem nieseligen Tag mit der U3 bis Landungsbrücken. Decke und Schirm nicht vergessen. Schon in der U-Bahn treibt es einem angesichts der Aussicht die Tränen in die Augen, jedenfalls, wenn man aus Richtung Rathausmarkt kommt. An der Station ein paar dicke Knollen Astra kaufen. Dann per HVV-Schiffchen stromabwärts bis Övelgönne. Egal, wie das Wetter ist: unbedingt draußen stehen, ganz vorne, wo jederzeit Gefahr besteht, dass man patschnass wird, wenn der Fluss das so will. Am Museumshafen aussteigen, die Ausflugslokale mit den Plastikstühlen links und rechts ignorieren und über den Strand bis zur Strandperle stapfen. Die hat um diese Jahreszeit schon zu, deshalb auch das mitgebrachte Astra! In den nassen Sand setzen, die Decke um sich herum mummeln, den Schirm aufspannen, das erste Bierchen öffnen und jetzt eine Stunde nur noch Schiffe gucken und freuen. Laufen dann Spaziergänger vorbei, dann sehen sie einen da sitzen und denken sich: tja, so sind wir Hamburger, 12 Grad und Nieselregen, aber wir sitzen am Strand, als wär's Italien. Jedenfalls kann man sich einbilden, sie würden das denken. Und dann setzt es ein, dieses Gefühl, in einer Stadt zu wohnen, in der es Klischees gibt, denen man sehr gerne entspricht.
Das ist jetzt Jahre her, und wenn ich so nach draußen in den Regen gucke, dann denke ich, das würde ich auch gerne mal wieder machen. (Auch, wenn ich inzwischen gelernt habe, dass man Astra kennerhaft abzulehnen hat, wenn man nicht sofort als Szenedepp gelten will. Davon keine Ahnung zu haben und sich einfach über eine neue Sorte Bier in hübschen Flaschen zu freuen, das es zu Hause nicht gab – das war schön.)
Das ist jetzt Jahre her, und wenn ich so nach draußen in den Regen gucke, dann denke ich, das würde ich auch gerne mal wieder machen. (Auch, wenn ich inzwischen gelernt habe, dass man Astra kennerhaft abzulehnen hat, wenn man nicht sofort als Szenedepp gelten will. Davon keine Ahnung zu haben und sich einfach über eine neue Sorte Bier in hübschen Flaschen zu freuen, das es zu Hause nicht gab – das war schön.)
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