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Dienstag, 26. August 2008

Eimsbütteler Park

Von hinten sehe ich scheinbar aus wie eine Frau, die auf Off-Schulmedizin-Mittel vertraut. Einmal, als ich hier morgens laufen war, kam hinter mir einer angekeucht und rief mir im Überholen zu: „Danke für den Tipp mit dem Eigenurin, hat super geholfen!“ Kaum an mir vorbei, wurde er knallrot, lief aber tapfer noch fünf Runden. Vielleicht dachte er sich, wenn er jetzt nach Hause abbiegt, dann könnte man meinen, Na sooo super kann das mit dem Eigenurin ja nicht gewesen sein, wenn nach dreihundert Metern schon wieder Schluss mit Joggen ist.

Auf einer Küchenparty hat mir mal jemand erzählt, dass dieser Park früher eher übel war. Müll, Unkraut, geklaute Taschen und harte Drogen. Das soll dann den Anwohnern gestunken haben, sie wollten, dass ihr Park wieder schön wird. Das haben sie geschafft. Heute kann man ohne böse Folgen nachts um zwei durch den Park gehen. Bestimmt auch nackend, wenn's drauf ankommt! Alle geben sich Mühe, damit der Park so bleibt, wie er jetzt ist. Ich habe schon Besucher dabei beobachtet, wie sie anderer Leute Grillmüll zusammen sammelten und in Plastiktüten mit nach Hause nahmen. Niemand muss sich auf dem Weg um den kleinen Weiher irgendwelche dummen Sprüche von Dosenbier-Banden anhören. Und wo in diesem Teil Eimsbüttels was mit Drogen geht, weiß ich nicht, aber jedenfalls nicht hier.

Obwohl er jetzt so viel idyllischer ist als früher, ist er doch ganz klar ein umtriebiger Großstadtpark. Auf einer x-beliebigen Runde um den kleinen Ententeich kann man unter anderem sehen: die Jungs von der Lachgesellschaft (stehen im Kreis und rufen „ha-ha-ha-ha-ha-ha-ha“), den Bouleclub (die Hälfte der Mitglieder haben was aus Wolle an), zwei Kinder mit einem ferngesteuerten Boot, acht Kinderwagen, zwei lesende Mädchen (eine was aus der Edition Suhrkamp, eine die Brigitte Young Miss), drei Picknicks, zwei davon mit Einweggrill, eine kleine friedliche Mofagang und viele spazieren gehende Pärchen, die sich, wenn sie schlau sind, vorher in der kleinen Konditorei Kuchen geholt haben. Einmal saß auf dem Rasen eine Familie und hatte ihr Sonntagsessen dabei samt Brathähnchen, Kartoffelbrei und Nachtisch. Auf kleinstem Raum ist hier alles, was sonst auf eine Riesenfläche verstreut stattfindet. Normale Leute aus dem Viertel, nette Freaks, Kleinkinder, Jugendliche, Omis, Hunde, Enten, Wasser, Büsche, Wiesen, Schattenboxer, Bäume und seit etwa zwei Jahren auch ein Café. Es ist wie auf einem Wimmelbild von Ali Mitgutsch.

Seit das kleine vergammelte Klohäuschen an der Gärtnerstraßenseite als adrettes Café wiedergeboren wurde, muss man sich noch nicht mal was zu trinken mitbringen, wenn man zufällig eine Vorliebe dafür hat, abends auf dem kleinen Holzponton zu sitzen, zu lesen und den Enten beim Einschlafen zuzugucken. Früher war ich hier manchmal mit einer halben Flasche Rotwein, einer Decke und einem Buch. Damals musste ich dazu nur schräg über die Straße, und wenn ich beim Ankommen merkte, dass ich aus Versehen die Zeitung von gestern dabei hatte oder dass der Wein hinüber war, dann hat mich meine Dusseligkeit fünf Minuten gekostet. Wenn das Café Glück hat, dann sind die Parkbesucher von heute genau solche Trienchen wie ich damals und verbammeln ständig ihre Getränke. Wenn es Pech hat, dann will hier immer nur der Lachclub aufs Klo. Ich wünsch ihm Glück!

Mittwoch, 20. August 2008

Innocentiapark

In Hamburg könnte man manchmal denken, Parks sind vor allem zum Joggen da. Dieser hier ist eine Ausnahme: Der Innocentiapark ist der einzige Hamburger Park, um den man lieber von außen herumjoggt statt mittendurch.
Ein Grund könnte sein, dass es innen zu sonnig ist – der Park besteht aus viel grüner Wiese und wenig Baum, also viel Aussicht, wenig Schatten. Noch ein Grund, lieber außen zu laufen: Die Runden sind sonst sehr klein. Nicht direkt so klein, dass man einen Drehwurm bekommt, aber doch mit 400 Metern nah dran. Und langweilig wird es auch, denn man kann auf der Innenrunde fast die ganze Zeit die komplette Strecke überblicken. Und will man mitten in einem schönen englischen Park an ein Sportstadion, Bundesjugendspiele usw. erinnert werden? Ich nicht!
Außen dagegen: man läuft im Schatten auf knirschendem Splitt und über Baumwurzeln. Vorbei an zuckergussverzierten kleinen feinen Villen, in denen nette Leute zu wohnen scheinen: Es duftet aus gekippten Küchenfenstern nach gutem indischem Essen, und kaum jemand fährt ein SUV. Wenn es im Herbst früher dunkel wird, kann man im Vorbeirennen den Leuten auf die Bücherregale und die Orchideentöpfe gucken. Und falls andere Jogger unterwegs sind, sind sie langsam genug, um nicht ständig von hinten angekeucht zu kommen und mich pro Runde zweimal zu überholen, nur um mich zu demoralisieren. Eine Runde dauert zwischen vier und fünf Minuten, und weil der Park leicht abschüssig verläuft, geht es auf jeder Runde auf zwei Seiten leicht bergan und auf zweien leicht bergab. Darauf kann man sich dann während der winzigen bergan-Anstrengung freuen, jede Runde zerfällt in zwei okaye und zwei sehr gute Teile. Und die Aufteilung der Strecke in viele kleine Mini-Aufgaben hilft, das wissen alle, die wie ich eher aus Vernunft joggen als „aus Spaß“.
Im Inneren des Parks bin ich, wenn ich nicht joggen will. Dort sieht man eher nordic walkende ältere Frauen. Wie dünn manche davon sind! Ich kann es nicht fassen. Ein lebenslanges Broccoli- und Fisch-Regime steckt vermutlich dahinter. Jedenfalls bei denen, die allein walken. Die etwas gemütlicher aussehenden sind dagegen meistens zu zweit unterwegs. Ich kann verstehen, wieso die Dünnen allein ihre Runden drehen müssen: Neben so einer 60jährigen Gazelle will man als Freundin nicht gerne beim Walken gesehen werden, weil man ja befürchten muss, dass sich die Leute denken „Die eine hat's nötig, die andere nicht“ oder auch „wie nett, dass die Dünne ihrer dicken Freundin Gesellschaft leistet, Motivation und so, sonst würde die sich vermutlich überhaupt nicht aufraffen können und nur noch fernsehen“. Egal ob rundlich oder drahtig, als Walkerin in dieser Gegend scheint man mindestens einmal im Monat zum Friseur zu gehen.
Außer den Walkerinnen gibt es ein paar schöne Hunde, die immer wieder hysterisch vor Glück über die große Wiese in der Mitte des Parks fegen. Auch die erinnern einen daran, dass wir hier in Harvestehude sind und nicht am Berliner Tor: niemand brüllt den Hunde ständig Kommandos zu, nur um dem ganzen Park zu zeigen, wer hier Herrchen im Haus ist. Auf den Bänken sitzen alte Leute und beobachten das alles – die Walkerinnen, die Hunde und die Kinder drüben auf dem Spielplatz – mit großem Wohlwollen. Ich kann mich dunkel daran erinnern, dass in einer Bella Block-Folge eine Leiche im Innocentiapark gefunden wurde. In Wirklichkeit passiert hier mit Sicherheit nie irgend etwas, da bin ich ganz sicher. Das Skandalöseste in diesem Park: der taufunkelnde Grillmüll am Morgen nach einem sonnigen Samstag. Dann liegen auf der Wiese leere Plastikflaschen, Bierdosen und schmierige Einweggrills, und die Labradore freuen sich über Würstchenreste. Auf den Bänken ist man behaglich entrüstet: „Guck mal, alles voll.“ „Jaja.“ „Und da drüben auch.“ „Schlimm schlimm.“ „Dabei stehen hier überall Mülleimer.“ „... pierkörbe, ja. Sollte man meinen.“ „Da kann man doch...“ „Eine Un-ver-schämt-heit.“ Aber selbst den Grillmüll umweht ein Hauch von besserer Gegend: Rund um die Mülleimer stehen zwischen Bierdosen Cremantflaschen, und neulich, als ich an einem Maimorgen unterwegs war und mir bei jeder Runde dachte: Was riecht denn hier so? Ist das... ist das... war nach der fünften Runde eindeutig klar: ja, im Innocentiapark riechen die Büsche morgens nach Spargelpipi.